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Cannabis: Historische Nutzung in Medizin, Kultur und Gesellschaft

14 Min. Lesezeit
Historische Darstellung von Hanfpflanzen mit medizinischem Zubehör in sachlicher Umgebung

Cannabis gehört zu den ältesten vom Menschen genutzten Kulturpflanzen. Über Jahrtausende hinweg wurde die Hanfpflanze in ganz unterschiedlichen Kulturen medizinisch, rituell, als Rohstoff und als Genussmittel eingesetzt. Der Fachbeitrag beleuchtet die historische Nutzung von Cannabis von den frühen Hochkulturen in Asien über die Antike und das Mittelalter bis zur Moderne. Speziell für Leserinnen und Leser aus der Schweiz ordnet der Text die historische Entwicklung im Kontext von Medizin, Recht und aktueller Forschung ein.

Einführung in die Historische Nutzung von Cannabis

Cannabis ist eine der ältesten kultivierten Pflanzen der Welt mit einer komplexen Geschichte, die Tausende von Jahren zurückreicht. Ursprünglich in Asien beheimatet, hat sich der Gebrauch von Cannabis weltweit verbreitet und spielte in vielen Kulturen eine wesentliche Rolle, sowohl für rituelle als auch medizinische Zwecke. Dieser Beitrag untersucht die historische Nutzung von Cannabis und beleuchtet seine Bedeutung in verschiedenen Gesellschaften.

Historisch wurden die verschiedenen Pflanzenteile sehr gezielt eingesetzt: Fasern für Seile, Segel und Kleidung, Samen als Nahrungsmittel und Öl, die Blüten und Harze für medizinische und rituelle Anwendungen. Lange bevor Wirkstoffe wie Tetrahydrocannabinol (THC) oder Cannabidiol (CBD) chemisch beschrieben wurden, beobachteten Heiler, Ärztinnen und Schamanen die Wirkung von Cannabis auf Schmerzen, Appetit, Schlaf und Stimmung. Die historische Entwicklung ist damit auch eine Geschichte empirischer Medizin, kultureller Deutung und späterer rechtlicher Regulierung. Für den heutigen medizinischen Einsatz – auch in der Schweiz – ist dieses historische Wissen relevant, weil es Hinweise liefert, bei welchen Beschwerden Cannabis traditionell genutzt wurde und welche Formen der Anwendung sich etabliert haben.

Historische Perspektive: Warum die Vergangenheit von Cannabis heute wichtig ist

Die Beschäftigung mit der historischen Nutzung von Cannabis hilft, aktuelle Diskussionen zu entemotionalisieren. Viele der heute wieder untersuchten medizinischen Anwendungsgebiete wurden bereits in antiken und mittelalterlichen Quellen beschrieben – etwa bei Schmerzen, Krämpfen, Schlafstörungen oder Appetitverlust. Historische Texte ersetzen keine modernen Studien, sie können aber Ansatzpunkte liefern, welche Indikationen heute wissenschaftlich genauer geprüft werden. Gleichzeitig zeigen die Entwicklungen rund um Prohibition und Legalisierung, wie stark gesellschaftliche Normen, politische Interessen und internationale Abkommen die Wahrnehmung einer Pflanze beeinflussen können. Wer diese Entwicklung kennt, kann heutige Regulierungsmodelle – zum Beispiel in der Schweiz – besser einordnen und Chancen wie Grenzen der medizinischen Nutzung realistischer einschätzen.

Die Ursprünge von Cannabis in Antiken Kulturen

Die erste dokumentierte Nutzung von Cannabis stammt aus China, wo das Kraut vor etwa 5000 Jahren verwendet wurde. Die Chinesen nutzten Hanf als Faserpflanze für Textilien und Papier, aber auch als Heilpflanze. Eine der frühesten Schriften zum Thema erschien in dem altchinesischen Buch „Shennong Bencaojing“, das die medizinischen Anwendungen der Pflanze beschreibt.

Archäologische Funde von Hanfsamen, Pollen und Fasern stützen diese schriftlichen Überlieferungen. In Gräbern, Vorratsgruben und Siedlungen wurden Hanfreste entdeckt, die zeigen, dass Cannabis früh in die landwirtschaftliche Produktion eingebunden war. Die Verwendung beschränkte sich nicht auf ein einzelnes Gebiet: Parallel zu China entwickelten sich auch in Zentralasien, auf der Seidenstrasse und in Regionen des heutigen Iran und Pakistan eigenständige Traditionen. Dort wurde Cannabis als Teil nomadischer Kultur, bei rituellen Feuern und möglicherweise als Räucherstoff eingesetzt. Diese frühen Nutzungen legten den Grundstein für die Verbreitung der Pflanze entlang von Handelsrouten nach Westen und Süden.

Cannabis in Indien und seine spirituelle Bedeutung

In Indien fand die Hanfpflanze im „Atharvaveda“ Erwähnung, einem der heiligen Texte des Hinduismus. Die Pflanze wurde nicht nur medizinisch genutzt, sondern hatte auch eine tiefe rituelle Bedeutung. Cannabis war Teil hinduistischer Zeremonien und wurde von Asketen und Mönchen als meditative Hilfe geschätzt.

Neben der religiösen Dimension entstand in Indien eine lange Tradition pflanzenheilkundlicher Anwendungen. In ayurvedischen Texten werden unterschiedliche Zubereitungen beschrieben, zum Beispiel Getränke wie Bhang, die Cannabis mit Milch, Gewürzen und anderen Kräutern kombinieren. Je nach Dosierung und Kombination wurden diesen Präparaten beruhigende, schmerzlindernde oder anregende Effekte zugeschrieben. In der spirituellen Praxis galt Cannabis als Hilfsmittel, um Distanz zu Alltagsgedanken zu gewinnen und sich auf Gebet oder Meditation zu konzentrieren. Gleichzeitig war man sich auch Nebenwirkungen wie Konzentrationsstörungen, Angst oder Abhängigkeitspotenzial bewusst, weshalb erfahrene Praktizierende meist eine begleitende Anleitung empfahlen. Diese differenzierte Sicht – Potenzial und Risiken – ähnelt in gewisser Weise heutigen Diskussionen um die medizinische Verwendung.

Nutzung im Antiken Griechenland und Rom

Obwohl in Europa das Interesse an der berauschenden Wirkung von Cannabis zuerst weniger ausgeprägt war, benutzte man die Pflanze für ihre heilenden Eigenschaften. Der griechische Arzt Dioskurides dokumentierte Cannabis als Mittel gegen Schmerzen und Schlafprobleme. Die Römer hingegen kannten und nutzen Cannabis hauptsächlich als Faserpflanze.

Die antiken medizinischen Texte aus dem Mittelmeerraum zeigen, dass Cannabis vor allem äusserlich angewendet wurde – etwa als Umschlag, Salbe oder Öl. Behandelt wurden unter anderem Gelenkschmerzen, Ohrenschmerzen oder Entzündungen. Orale Anwendungen waren weniger verbreitet, möglicherweise auch, weil die Dosierung schwer kontrollierbar war. Parallel dazu hatte die Faserproduktion grosse wirtschaftliche Bedeutung: Hanfseile waren robust, feuchtigkeitsbeständig und für Schifffahrt und Bauwesen unentbehrlich. Diese praktische Nutzung trug wesentlich dazu bei, dass Cannabis langfristig in agrarische Systeme integriert blieb, selbst wenn die medizinische Relevanz zeitweise in den Hintergrund trat.

Mittelalterliche und Frühneuzeitliche Nutzung von Cannabis

Im Mittelalter wurde Cannabis in Klostergärten kultiviert und war ein fester Bestandteil der Kräutermedizin. Klosterbücher aus dieser Zeit belegen den Gebrauch der Pflanze bei der Behandlung von Rheuma, Husten und Entzündungen. Cannabispräparate waren nahezu in jeder mittelalterlichen Apotheke zu finden.

Parallel zur klösterlichen Heilkunde entstanden in der Volksmedizin eigenständige Traditionen. Bäuerliche Haushalte nutzten Hanf als Faserlieferant, Nahrungsmittel (etwa durch Hanfsamenöl) und gelegentlich als Hausmittel, zum Beispiel in Form von alkoholischen Auszügen oder Breiumschlägen. In einigen Regionen Europas entwickelten sich auch rituelle Bräuche, bei denen Hanf mit Fruchtbarkeit, Schutz oder Ernte verbunden wurde. Mit der Ausbreitung des Buchdrucks gelangten medizinische Informationen zu Cannabis vermehrt in städtische Zentren. Dort begannen Ärztinnen und Ärzte, über Erfahrungen zu berichten und Einsatzgebiete systematischer zu beschreiben. Die psychoaktive Wirkung spielte zwar eine Rolle, stand aber im Vergleich zu heutigen Freizeitkonsumformen weniger im Vordergrund, da viele Sorten eher faserbetont waren und geringere THC-Gehalte aufwiesen.

Cannabis zwischen Klostergarten und Volksmedizin

Im mittelalterlichen Europa existierte eine Art Doppelstruktur der Nutzung: Einerseits wurde Cannabis von ausgebildeten Heilkundigen in Klöstern und später in Universitätsstädten dokumentiert und in Rezepturen eingebunden. Andererseits blieb die Pflanze fest in der Alltagskultur verankert – sei es in Form von Hanftextilien, Ölen oder einfachen Hausmitteln. Diese parallelen Strömungen erklären, warum historische Hinweise häufig in sehr unterschiedlichen Quellen zu finden sind, von klösterlichen Kräuterbüchern bis zu regionalen Überlieferungen. Für die heutige Einordnung der medizinischen Nutzung ist bedeutsam, dass Cannabis über Jahrhunderte weder als ausschliessliches Rauschmittel noch als universales Heilmittel verstanden wurde, sondern als ein weiteres, vielseitiges Gewächs unter vielen anderen Heilpflanzen. Diese nüchterne Perspektive kann auch moderne Diskussionen um Nutzen und Grenzen von medizinischem Cannabis beeinflussen.

Die Verbreitung von Cannabis in der Neuen Welt

Mit der europäischen Kolonialexpansion gelangte Cannabis im 16. Jahrhundert nach Nord- und Südamerika. Auf dem amerikanischen Kontinent wurde Cannabis zunächst für die Herstellung von Segeltuch und Tauwerk angebaut. Entdecker verbreiteten die Hanfindustrie in der Neuen Welt, wobei die Pflanze zunehmend als Medizin geschätzt wurde.

In verschiedenen Regionen Amerikas traf Cannabis auf bereits bestehende pflanzenheilkundliche Traditionen indigener Völker. Es kam zu Austauschprozessen, bei denen neue Zubereitungsformen entstanden. In den späteren USA und in Teilen Lateinamerikas wurde Hanf zudem ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor; ganze Regionen spezialisierten sich auf den Anbau. Im 19. Jahrhundert erlebte Cannabis dort eine Phase intensiver medizinischer Nutzung, vor allem in Form von Tinkturen, die in Apotheken verkauft wurden. Diese Präparate wurden gegen Schmerzen, Schlafprobleme, Muskelkrämpfe und andere Beschwerden eingesetzt. Gleichzeitig wurde der Freizeitkonsum in bestimmten Milieus sichtbarer, was in Verbindung mit migrations- und sozialpolitischen Spannungen zu ersten regulierenden Massnahmen führte. Diese frühen Entwicklungen ebneten den Weg für spätere, deutlich strengere Verbote.

Neuzeitliche Verwendungen und Regulierung von Cannabis

Im 19. Jahrhundert wuchs das Interesse an den psychoaktiven Eigenschaften von Cannabis in der westlichen Welt rasant. Insbesondere in der Medizin fand Cannabis vielfach Anwendung. Allerdings setzte ab dem frühen 20. Jahrhundert eine zunehmend restriktive Politik ein, die zur Prohibition führte. Die Regulierung von Cannabis fand weltweit unterschiedlich starke Ausprägungen.

Mit der Entwicklung der modernen Pharmakologie begannen Forschende, pflanzliche Arzneimittel systematisch zu untersuchen. Cannabis wurde in medizinischen Lehrbüchern beschrieben und in zahlreichen Arzneimittelverzeichnissen geführt. Gleichzeitig entstanden neue chemisch definierte Medikamente, die teilweise leichter zu standardisieren waren. Vor diesem Hintergrund und unter dem Eindruck internationaler Drogenabkommen geriet Cannabis zunehmend in ein Spannungsfeld zwischen therapeutischem Nutzen und befürchteten gesellschaftlichen Auswirkungen. Viele Staaten beschlossen Verbote oder starke Einschränkungen, was dazu führte, dass Cannabispräparate aus Apotheken verschwanden. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts und insbesondere im 21. Jahrhundert setzten Reformprozesse ein, in denen die medizinische Nutzung in verschiedenen Ländern – darunter auch der Schweiz – unter klar definierten Rahmenbedingungen wieder zugelassen wurde.

Medizinische Anwendungen in der Moderne

In der Moderne wird die Verwendung von Cannabis als medizinisches Mittel wieder intensiv erforscht. Viele Länder erwägen und implementieren Gesetze, die den medizinischen Einsatz von Cannabis ermöglichen. Forschungen zum Endocannabinoid-System haben zur Entwicklung neuer Therapieansätze beigetragen.

Das Endocannabinoid-System ist ein körpereigenes Regulationssystem, das an Prozessen wie Schmerzverarbeitung, Appetit, Stimmung und Schlaf beteiligt ist. Die Entdeckung dieses Systems war ein Wendepunkt, weil sie einen biologischen Erklärungsansatz dafür liefert, warum Cannabinoide wie THC und CBD überhaupt im menschlichen Körper wirken können. Historische Erfahrungsberichte über die Linderung von Schmerzen, Muskelkrämpfen oder Übelkeit werden dadurch aus einer modernen Perspektive verständlicher. In der Schweiz und anderen Ländern werden heute standardisierte medizinische Cannabisprodukte eingesetzt, zum Beispiel Ölzubereitungen oder kontrollierte Extrakte. Diese Nutzung erfolgt unter ärztlicher Aufsicht und orientiert sich an aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Historische Überlieferungen dienen dabei eher als Hintergrundinformation und Impuls für Forschungsfragen, nicht als alleinige Entscheidungsgrundlage für Therapien.

Tabellarischer Überblick über die Historische Nutzung von Cannabis

Zeit Kultur Nutzung
5000 v. Chr. China Fasergewinnung, Medizin
2000 v. Chr. Indien Rituelle Nutzung, Medizin
800 v. Chr. Griechenland Medizin
16. Jh. Europa Medizin, Textilherstellung
19. Jh. Weltweit Medizin, Genussmittel

Die tabellarische Übersicht fasst zentrale Stationen der historischen Nutzung von Cannabis zusammen, erhebt aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie zeigt, dass sich der Schwerpunkt der Verwendung im Laufe der Zeit mehrfach verschoben hat: von der Faser- und Nutzpflanze in frühen Hochkulturen über die rituell-medizinische Rolle in Indien bis hin zur breit dokumentierten Arzneipflanze des 19. Jahrhunderts. Gleichzeitig wird deutlich, dass Cannabis selten nur eine Funktion erfüllte. In vielen Epochen bestanden medizinische, wirtschaftliche und kulturelle Nutzungen parallel nebeneinander. Für die heutige Bewertung ist diese Mehrdimensionalität wichtig: Sie macht deutlich, dass Diskussionen um Cannabis nicht nur medizinische Aspekte betreffen, sondern auch Fragen der Rohstoffnutzung, der kulturellen Identität und der rechtlichen Steuerung. Moderne Regelungen – etwa für medizinisches Cannabis in der Schweiz – knüpfen somit an eine sehr lange, differenzierte Geschichte an.

Regionale Perspektiven: Cannabis in islamischer Welt, Afrika und Lateinamerika

Neben den bekannten Beispielen aus China, Indien, Europa und der Neuen Welt gibt es zahlreiche weitere Regionen, in denen Cannabis eine wichtige Rolle spielte. In Teilen der islamischen Welt wurde Cannabis in Form von Haschisch genutzt, häufig als Alternative zu Alkohol, der religiös verboten war. Gelehrte und Herrscher reagierten unterschiedlich: Manche verurteilten den Konsum, andere tolerierten ihn oder nutzten Cannabis selbst. Schriftliche Quellen berichten, dass Haschisch in bestimmten Sufi-Orden als Hilfsmittel zur Vertiefung spiritueller Erfahrungen diente. Gleichzeitig wurde die Pflanze als Heilmittel beschrieben, insbesondere gegen Schmerzen und Verdauungsprobleme.

In Afrika verbreitete sich Cannabis über Handelsrouten und Migrationsbewegungen. Dort integrierte sich die Pflanze in bestehende Heiltraditionen und Rituale. In einigen Regionen erscheint Cannabis in ethnomedizinischen Beschreibungen bei Malaria, Fieber, Schmerzen oder als Bestandteil von Räucherungen. Auch in Lateinamerika kam es zu einer Verschmelzung von europäischen, afrikanischen und indigenen Praktiken. Historische Dokumente aus Brasilien und Mexiko berichten von Cannabis als Heilmittel gegen Krämpfe, Frauenleiden oder Atemwegsbeschwerden. Diese weniger bekannten regionalen Traditionen ergänzen das Gesamtbild und zeigen, dass Cannabis global in ganz unterschiedlichen kulturellen und sozialen Kontexten verankert ist.

Vom Naturheilmittel zum regulierten Arzneimittel: Rechtliche Entwicklung

Die rechtliche Einordnung von Cannabis hat sich im Laufe der Geschichte wiederholt verändert. Über viele Jahrhunderte wurde die Pflanze primär als Nutz- und Heilpflanze betrachtet, ohne dass spezifische Verbote existierten. Mit dem 20. Jahrhundert und dem Aufkommen internationaler Drogenabkommen setzte jedoch ein Paradigmenwechsel ein. Cannabis wurde zunehmend in eine Reihe mit Substanzen gestellt, die als Suchtdrogen klassifiziert wurden. Dies führte dazu, dass in vielen Ländern Anbau, Handel und medizinische Verwendung stark eingeschränkt oder ganz verboten wurden.

In Europa und Nordamerika hielten sich diese strengen Regulierungen über Jahrzehnte. Erst neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wirkweise von Cannabinoiden und zum Endocannabinoid-System führten zu einer differenzierteren Sicht. Schrittweise entstanden in verschiedenen Staaten Programme, die die medizinische Nutzung von Cannabis unter klaren Auflagen wieder erlaubten. In der Schweiz entwickelte sich ein spezifischer Rahmen, in dem ärztlich verordnetes medizinisches Cannabis unter bestimmten Voraussetzungen zugänglich ist. Historisch gesehen markiert diese Entwicklung eine Rückbesinnung auf dokumentierte therapeutische Potenziale, kombiniert mit moderner Qualitätskontrolle, Dosierungsüberwachung und Pharmakovigilanz.

Historische medizinische Indikationen und moderne Forschung

In historischen Quellen werden zahlreiche Anwendungsgebiete von Cannabis beschrieben. Dazu gehören Schmerzen unterschiedlichster Ursache, Krampfzustände, Schlafstörungen, Verdauungsbeschwerden, Frauenleiden, psychische Belastungen und vieles mehr. Oft wurden Mischpräparate eingesetzt, in denen Cannabis nur ein Bestandteil unter anderen Kräutern war. Dosierungen wurden empirisch bestimmt, etwa nach Tropfenzahl, Pflanzenteilen oder nach Körpergewicht. Diese Vorgehensweise war anfällig für Schwankungen, führte aber auch zu einer grossen Vielfalt an Erfahrungswissen.

Moderne Forschung prüft einige dieser traditionellen Indikationen systematisch mit klinischen Studien. Beispielsweise werden chronische Schmerzen, Spastik bei neurologischen Erkrankungen, Appetitverlust und bestimmte Formen therapieresistenter Epilepsie wissenschaftlich untersucht. Dabei zeigt sich, dass historische Berichte nicht automatisch eine Wirksamkeit belegen, aber Hinweise liefern können, wo eine vertiefte Prüfung sinnvoll ist. Für die Schweiz und andere Länder gilt: Der Einsatz von medizinischem Cannabis orientiert sich heute an evidenzbasierten Kriterien, Zulassungsverfahren und Sicherheitsanforderungen. Historische Anwendungen werden eher als Impulsgeber für Hypothesen verstanden, nicht als direkte Therapieempfehlung.

Cannabis in der Kulturgeschichte: Symbole, Rituale, Literatur

Cannabis ist nicht nur medizinisch und wirtschaftlich von Bedeutung, sondern auch tief in der Kulturgeschichte verankert. In manchen Traditionen symbolisiert die Pflanze Heilung, in anderen Freiheit, Protest oder spirituelle Öffnung. In Indien wird Cannabis in Verbindung mit bestimmten Gottheiten und Festen gebracht, in der islamischen Mystik taucht es in Geschichten über Sufi-Heilige auf. Europäische Volksbräuche sehen in Hanf teilweise ein Symbol für Fruchtbarkeit und Wohlstand.

In der neueren Geschichte und Gegenwart wird Cannabis zudem in Literatur, Musik und bildender Kunst aufgegriffen. Romane, Gedichte und Lieder thematisieren unterschiedliche Aspekte – von der rituellen Verwendung bis zur Kritik an Prohibition. Diese kulturellen Spiegelungen beeinflussen wiederum die öffentliche Wahrnehmung und können Debatten über Regulierung, medizinische Nutzung und gesellschaftliche Akzeptanz verstärken oder abschwächen. Für die rein medizinische Diskussion ist es deshalb hilfreich, kulturelle Deutungsschichten zu kennen, um sachliche Informationen von Symbolik und Werturteilen zu trennen.

Das Erbe und die Zukunft von Cannabis

Obwohl Cannabis eine bewegte Geschichte durchlaufen hat, bleibt seine Bedeutung unverändert relevant. Die Pflanze, die einst als Rauschmittel in Verruf geraten war, hat sich wieder als medizinischer Schatz erwiesen. Da die Erforschung medizinischer Anwendungsgebiete weiterhin expandiert, könnte Cannabis in Zukunft eine noch bedeutendere Rolle in der Gesundheitsversorgung spielen.

Das historische Erbe von Cannabis besteht nicht nur in den vielfältigen Nutzungen, sondern auch in den Erfahrungen mit Regulierung, Stigmatisierung und Rehabilitierung. Für die Zukunft stellt sich die Frage, wie medizinische Potenziale verantwortungsvoll genutzt und gleichzeitig Risiken begrenzt werden können. Dazu gehören klare Qualitätsstandards, transparente Information für Patientinnen und Patienten, Schulungen für Fachpersonen und eine kontinuierliche wissenschaftliche Begleitung. Die Schweiz verfolgt hier einen eigenen Weg, der sich am Schutz der Bevölkerung und an evidenzbasierter Medizin orientiert. In diesem Rahmen kann das historische Wissen helfen, überzogene Erwartungen zu relativieren, unbegründete Ängste abzubauen und Cannabis als das zu sehen, was es in der Geschichte meist war: eine vielseitige, aber nicht grenzenlose Heil- und Nutzpflanze.

Fazit

Die traditionelle Nutzung von Cannabis wirft ein interessantes Licht auf die Potenziale der Pflanze in der modernen Gesellschaft. Von den antiken Anwendungen bis zur heutigen medizinischen Nutzung hat Cannabis zahlreiche Hürden überwunden. Die Weiterverfolgung der Forschungsarbeiten zu Cannabis könnte tiefgreifende Änderungen in unserer pharmazeutischen Landschaft mit sich bringen und den Weg für neue Therapiemethoden ebnen.

Zusammenfassend zeigt die historische Perspektive, dass Cannabis nie statisch betrachtet wurde. Bedeutungen und Einsatzgebiete haben sich je nach Kultur, Wissensstand und politischem Umfeld verändert. Diese Dynamik setzt sich auch heute fort, da neue Studien Erkenntnisse liefern und Regulierungsmodelle angepasst werden. Wer sich mit der Geschichte von Cannabis auseinandersetzt, erhält ein differenziertes Bild, das zwischen medizinischem Nutzen, kultureller Symbolik und rechtlichen Rahmenbedingungen unterscheidet. Für Patientinnen und Patienten, Fachpersonen und Entscheidungsträger in der Schweiz kann dieses Wissen eine Grundlage sein, um die aktuelle und zukünftige Rolle von Cannabis in der Gesundheitsversorgung reflektiert einzuordnen.

Häufig gestellte Fragen

Wie lange nutzen Menschen Cannabis bereits medizinisch?

Schriftliche und archäologische Quellen deuten darauf hin, dass Cannabis seit mehreren tausend Jahren medizinisch genutzt wird. Besonders gut dokumentiert ist der Einsatz in China und Indien, wo die Pflanze in frühen Heilkräuterbüchern und religiösen Texten erscheint. Dort wurde Cannabis unter anderem bei Schmerzen, Verdauungsproblemen und Schlafstörungen eingesetzt. In späteren Jahrhunderten übernahmen auch Kulturen im Mittelmeerraum, in der islamischen Welt, in Afrika und in Europa entsprechende Anwendungen. Die Formen der Zubereitung und die Einschätzung von Nutzen und Risiken unterschieden sich jedoch je nach Region und Zeit.

Welche Rolle spielte Cannabis in religiösen und rituellen Kontexten?

In mehreren Kulturen hatte Cannabis eine ausgeprägte rituelle oder spirituelle Bedeutung. In Indien wird die Pflanze in heiligen Schriften erwähnt und ist bis heute mit bestimmten religiösen Festen und asketischen Traditionen verbunden. In Teilen der islamischen Mystik diente Haschisch manchen Sufi-Gruppen als Hilfsmittel, um sich auf Gebet und Meditation zu konzentrieren, auch wenn andere religiöse Autoritäten den Gebrauch ablehnten. In verschiedenen Regionen Afrikas und Lateinamerikas wurde Cannabis zudem in Zeremonien eingesetzt, etwa bei Übergangsriten oder Heilzeremonien. Diese rituelle Dimension ist von der heutigen medizinischen Anwendung klar zu unterscheiden, gehört aber zur Gesamtgeschichte der Pflanze.

Warum wurde Cannabis im 20. Jahrhundert vielerorts verboten?

Die Verbote von Cannabis im 20. Jahrhundert sind das Ergebnis mehrerer Entwicklungen. In einigen Ländern wurde der Freizeitkonsum sichtbarer und mit gesellschaftlichen Spannungen, Migration und Moralvorstellungen verknüpft. Gleichzeitig etablierten sich internationale Drogenabkommen, die bestimmte Substanzen pauschal als Suchtdrogen einstuften. In diesem Kontext gerieten auch medizinische Cannabispräparate unter Druck, obwohl sie zuvor in Apotheken geführt wurden. Viele Staaten entschieden sich für ein weitreichendes Verbot von Anbau, Handel und Nutzung, ohne zwischen medizinischen und nicht-medizinischen Anwendungen klar zu unterscheiden. Erst neuere wissenschaftliche Erkenntnisse und gesellschaftliche Debatten führten dazu, dass in verschiedenen Ländern – darunter der Schweiz – die medizinische Verwendung wieder zugelassen wurde.

Inwiefern beeinflusst die historische Nutzung die heutige medizinische Anwendung?

Die historische Nutzung von Cannabis liefert Hinweise darauf, bei welchen Beschwerden die Pflanze über Jahrhunderte eingesetzt wurde und welche Zubereitungsformen sich etablierten. Diese Beobachtungen sind jedoch keine direkte Therapieanleitung, sondern eher Ausgangspunkt für heutige Forschungsfragen. Moderne medizinische Anwendung stützt sich auf klinische Studien, pharmakologische Erkenntnisse und regulatorische Vorgaben. Historische Berichte können helfen, potenzielle Einsatzgebiete zu identifizieren und die Wirkung im kulturellen Kontext besser zu verstehen. In der Schweiz und anderen Ländern werden medizinische Cannabisprodukte heute unter klaren Qualitätsvorgaben eingesetzt, die sich an der aktuellen Evidenz orientieren.

Welche Bedeutung hat die Schweiz in der jüngeren Cannabisgeschichte?

Die Schweiz ist in der jüngeren Cannabisgeschichte vor allem durch ihren differenzierten Umgang mit Konsum und medizinischer Nutzung aufgefallen. Nach Phasen restriktiver Regulierung setzte eine vorsichtigere Neubewertung ein, die sowohl Gesundheitsschutz als auch wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt. Es wurden rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen, unter denen medizinisches Cannabis unter ärztlicher Kontrolle eingesetzt werden kann. Pilotprojekte und Forschungsvorhaben sollen zusätzliche Daten zur Wirkung, Sicherheit und zum gesellschaftlichen Umgang liefern. Im historischen Längsschnitt steht die Schweiz damit exemplarisch für den Versuch, traditionelle Nutzungen, moderne Wissenschaft und zeitgemässe Regulierung in Einklang zu bringen.

Quellen

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