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Cannabis bei Tumorschmerzen in der Schweiz

11 Min. Lesezeit

Medizinisches Cannabis rückt in der Schweiz zunehmend in den Fokus der unterstützenden Behandlung von Tumorschmerzen. Der Einsatz erfolgt dabei immer ärztlich begleitet, rechtlich geregelt und eingebettet in ein umfassendes Therapiekonzept. - Überblick über Nutzen und Grenzen von Cannabis bei Tumorschmerzen - Konkrete Informationen zur rechtlichen Situation und Kostendeckung in der Schweiz - Einordnung, wie eine moderne, digital unterstützte Versorgung mit ärztlicher Begleitung aussehen kann

Einordnung: Cannabis bei Tumorschmerzen seriös verstehen

Für viele Betroffene stellen Tumorschmerzen eine erhebliche Belastung im Alltag dar. Wenn klassische Schmerztherapien nicht ausreichend wirken oder mit starken Nebenwirkungen verbunden sind, rückt medizinisches Cannabis als mögliche Ergänzung in den Blick. In der Schweiz ist dieser Einsatz klar rechtlich geregelt und erfolgt nicht als Lifestyle-Produkt, sondern als medizinische Behandlung, die sorgfältig geplant und überwacht wird. Dabei spielen sowohl die wissenschaftliche Evidenz, die Einschätzungen von Institutionen wie dem Bundesamt für Gesundheit (BAG), als auch die individuelle Situation der Patientinnen und Patienten eine zentrale Rolle.

Der folgende Beitrag beleuchtet die Anwendung von Cannabis bei Tumorschmerzen in der Schweiz aus mehreren Perspektiven: Welche Beschwerden können potenziell beeinflusst werden? Wie ist die Studienlage einzuordnen? Welche rechtlichen Vorgaben gelten aktuell? Und wie kann eine moderne, digital gestützte Versorgung aussehen, die ärztliche Betreuung, Cannabis-Therapie und Apothekenservices sinnvoll verbindet, ohne Heilversprechen zu machen und ohne Erwartungen künstlich zu erhöhen?

Übersicht medizinische Indikationen von Cannabis in der Onkologie

Medizinische Grundlagen: Wie wirkt Cannabis auf Tumorschmerzen?

Die Cannabispflanze enthält zahlreiche Wirkstoffe, von denen insbesondere Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) medizinisch relevant sind. Beide Substanzen greifen in das sogenannte Endocannabinoid-System des Körpers ein. Dieses System ist an der Regulation von Schmerz, Appetit, Stimmung, Schlaf und vielen weiteren Prozessen beteiligt. Bei Tumorpatientinnen und -patienten kann die Aktivierung dieses Systems theoretisch dazu beitragen, die Wahrnehmung von Schmerzen zu modulieren und Begleitsymptome der Erkrankung und ihrer Therapie zu beeinflussen.

Es ist wichtig zu betonen, dass Cannabis nicht den Tumor «behandelt», sondern – im heute üblichen klinischen Einsatz – in erster Linie auf Symptome abzielt. Typische Beschwerden, bei denen Cannabinoide in onkologischen Kontexten geprüft oder eingesetzt werden, sind:

  • tumor- oder therapiebedingte Schmerzen (z. B. neuropathische Schmerzen, Knochenmetastasen)
  • Übelkeit und Erbrechen im Rahmen einer Chemotherapie
  • Appetitlosigkeit und ungewollter Gewichtsverlust
  • Schlafstörungen und innere Unruhe
  • Stimmungsbelastungen wie Angst oder depressive Verstimmungen

Diese Liste spiegelt typische Anwendungsfelder wider, ersetzt aber keine individuelle ärztliche Beurteilung. Nicht jede Patientin und nicht jeder Patient profitiert in gleichem Ausmass, und bei manchen Beschwerden können andere Therapiestrategien sinnvoller oder besser belegt sein. Zudem können Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel, kognitive Beeinträchtigungen oder Mundtrockenheit auftreten, insbesondere bei THC-haltigen Präparaten. Darum ist eine schrittweise Dosierung, eine engmaschige Kontrolle und das Abwägen gegenüber bestehenden Medikamenten entscheidend.

Vergleich der Wirkprofile von THC und CBD

THC, CBD und Cannabinoid-Spektrum: Relevante Unterschiede für die Therapie

Für die Praxis der Schmerztherapie bei Tumorpatientinnen und -patienten ist nicht nur die Frage «Cannabis ja oder nein?» relevant, sondern vor allem auch «in welcher Zusammensetzung und Dosierung?». THC wirkt psychoaktiv und beeinflusst Schmerzverarbeitung, Übelkeit und Appetit. CBD wirkt nicht berauschend und wird in der Onkologie häufig zur Unterstützung von Schlaf, innerer Ruhe, Muskelspannung und allgemeinen Stressreaktionen diskutiert.

Je nach Präparat können folgende Formen unterschieden werden:

  • THC-dominante Präparate (z. B. bei starken, schwer beherrschbaren Schmerzen oder ausgeprägter Übelkeit)
  • CBD-dominante Präparate (z. B. nach abgeschlossener Tumortherapie zur Unterstützung von Schlaf und vegetativer Balance)
  • ausgewogene THC/CBD-Kombinationen (z. B. in der Palliativsituation zur Ergänzung komplexer Schmerztherapien)
  • vollspektrale Extrakte mit weiteren Cannabinoiden und Terpenen

Diese Einteilung wird in der Praxis genutzt, um die Behandlung an die individuelle Symptomkonstellation anzupassen. Ein ausgewogenes Verhältnis von THC und CBD kann zum Beispiel helfen, die psychoaktiven Effekte von THC besser zu tolerieren, während trotzdem analgetische und antiemetische Effekte genutzt werden. Vollspektrale Extrakte werden teilweise eingesetzt, weil sie neben THC und CBD weitere Pflanzeninhaltsstoffe enthalten, deren Zusammenspiel («Entourage-Effekt») diskutiert wird. Die klinische Evidenz dazu ist jedoch noch begrenzt, weshalb eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung und regelmässige Reevaluation wichtig bleiben.

Grafik zum Cannabinoid-Spektrum und weiteren Inhaltsstoffen

Aktuelle Studienlage und Einschätzung des BAG

International und in der Schweiz wird die Wirksamkeit von medizinischem Cannabis bei chronischen Schmerzen und weiteren Beschwerden intensiv erforscht. Gleichzeitig betont der vom BAG beauftragte Health-Technology-Assessment-Bericht ausdrücklich, dass die Studienergebnisse teilweise heterogen und nur eingeschränkt vergleichbar sind. Für chronische Schmerzen und krankhafte Muskelverspannungen kommt der Bericht zum Schluss, dass die Wirksamkeit insgesamt unklar bleibt und dass Therapien mit medizinischem Cannabis mit Mehrkosten verbunden sein können.

Für Tumorschmerzen lässt sich aus der Datenlage ableiten, dass ein Teil der Patientinnen und Patienten von einer ergänzenden Behandlung profitieren kann, insbesondere wenn etablierte Schmerzmittel nicht ausreichend wirken oder schlecht vertragen werden. Zudem verweisen onkologische und palliativmedizinische Erfahrungsberichte auf potenzielle Vorteile bei Übelkeit, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen und seelischer Belastung. Gleichzeitig wird betont, dass:

  • keine generelle Empfehlung für alle Krebspatientinnen und -patienten ausgesprochen werden kann
  • eine sorgfältige individuelle Indikationsstellung notwendig ist
  • die Erwartungen an die Wirkung realistisch bleiben sollten
  • rechtliche, soziale, ethische und organisatorische Aspekte zu berücksichtigen sind

Diese Einschätzung unterstreicht, wie wichtig eine nüchterne und evidenzorientierte Beratung ist. Medizinische Cannabistherapie ersetzt keine onkologische Standardbehandlung, sondern kommt, wenn überhaupt, als Ergänzung hinzu. Entscheidend ist, dass behandelnde Ärztinnen und Ärzte die verfügbare Evidenz kennen, die individuellen Ziele der Behandlung mit den Patientinnen und Patienten klären und im Verlauf regelmässig prüfen, ob der erwartete Nutzen tatsächlich eintritt.

Rechtliche Rahmenbedingungen in der Schweiz

In der Schweiz wurde der Zugang zu medizinischem Cannabis in den letzten Jahren schrittweise angepasst. Früher war die Verschreibung von THC-haltigen Cannabisarzneimitteln mit einem aufwendigen Ausnahmebewilligungsverfahren beim Bundesamt für Gesundheit verbunden. Inzwischen können Ärztinnen und Ärzte unter bestimmten Bedingungen Cannabis-basierte Medikamente direkt verschreiben, ohne für jede einzelne Patientin oder jeden einzelnen Patienten ein separates Gesuch stellen zu müssen. Dennoch bleibt der Einsatz streng geregelt und ist klar von nicht-medizinischem Cannabiskonsum abzugrenzen.

Für Patientinnen und Patienten mit Tumorschmerzen bedeutet dies: Die Behandlung muss von einer in der Schweiz zugelassenen Ärztin oder einem Arzt initiiert werden, der über ausreichende Kenntnisse im Umgang mit Cannabinoiden verfügt. Die Verschreibung erfolgt in der Regel auf einem Betäubungsmittelrezept, und die Abgabe erfolgt über Apotheken, die entsprechend zugelassene Produkte führen. Für CBD-dominante Präparate gelten je nach THC-Gehalt andere rechtliche Vorgaben. Wichtig ist, dass Betroffene sich nicht auf inoffizielle oder nicht kontrollierte Quellen verlassen, da hier Qualität, Dosierung und Reinheit nicht gewährleistet sind. Rechtssicherheit, Produktsicherheit und eine korrekte Dokumentation der Therapie sind zentrale Elemente einer verantwortungsvollen Behandlung.

Darstellung der rechtlichen THC-Grenzen in der Schweiz

Anwendungsformen: Wie wird medizinisches Cannabis bei Tumorschmerzen eingesetzt?

In der klinischen Praxis stehen verschiedene Darreichungsformen zur Verfügung, die je nach Symptomlage und individueller Situation ausgewählt werden. Wichtig ist, dass die Wahl der Anwendungsform immer gemeinsam mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt getroffen wird, da sich Wirkbeginn, Wirkdauer und Nebenwirkungsprofil unterscheiden können.

  • Ölige Tropfen oder Kapseln (orale Einnahme, häufig für Dauertherapien)
  • standardisierte Sprays (z. B. zur Behandlung bestimmter neuropathischer Schmerzen)
  • sublinguale Lösungen (raschere Aufnahme über die Mundschleimhaut)
  • in Einzelfällen medizinisch geprüfte Vaporizer-Anwendungen

Orale Tropfen oder Kapseln werden häufig bevorzugt, weil sie eine genaue Dosierung ermöglichen und sich gut in bestehende Medikationspläne integrieren lassen. Sprays und sublinguale Formen können einen schnelleren Wirkungseintritt bieten, was bei plötzlich auftretenden Schmerzen oder Übelkeit hilfreich sein kann. Inhalative Formen über medizinische Vaporizer werden in einigen Fällen diskutiert, sollten aber nur mit standardisierten, medizinischen Produkten und klarer ärztlicher Anleitung erfolgen, da eine Selbstbehandlung mit nicht kontrollierten Produkten erhebliche Risiken birgt. Pflanzliches Rohmaterial ohne standardisierte Dosierung ist aus medizinischer Sicht problematisch, weil Wirkstoffgehalt und Verunreinigungen sehr unterschiedlich sein können.

Übersicht medizinischer Anwendungsformen von Cannabis

Dosierung und Titration: Warum «start low, go slow» zentral ist

Ein zentrales Prinzip in der medizinischen Cannabistherapie ist die langsame, vorsichtige Dosissteigerung. Dies gilt besonders bei Tumorpatientinnen und -patienten, die häufig bereits mehrere Medikamente einnehmen und durch die Grunderkrankung geschwächt sein können. In der Praxis wird oft nach dem Schema «start low, go slow» vorgegangen: Die Therapie beginnt mit einer niedrigen Dosis, die dann in kleinen Schritten angepasst wird, bis ein tragfähiges Gleichgewicht zwischen Wirkung und Nebenwirkungen gefunden ist.

  • langsame Einschleichphasen, um individuelle Empfindlichkeiten zu erkennen
  • regelmässige Evaluation von Schmerzintensität, Schlaf, Appetit und Stimmung
  • kritische Überprüfung möglicher Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
  • klare Dokumentation der Dosisveränderungen und der beobachteten Effekte

Dieses Vorgehen erfordert Zeit und eine gute Kommunikation zwischen Patientin oder Patient und Behandlungsteam. Es ist sinnvoll, vor Therapiebeginn gemeinsam konkrete Behandlungsziele zu definieren, etwa eine bestimmte Reduktion der Schmerzintensität, eine Verbesserung des Schlafs oder eine Stabilisierung des Gewichts. Wenn diese Ziele trotz sorgfältiger Dosisanpassung nicht erreicht werden oder die Nebenwirkungen überwiegen, sollte die Therapie kritisch hinterfragt und gegebenenfalls beendet oder umgestellt werden. Eine strukturierte digitale Dokumentation kann hierbei helfen, den Verlauf transparent nachzuvollziehen.

Schema für Dosierung und Titration von medizinischem Cannabis

Digitale Versorgung: Wie eine integrierte Betreuung aussehen kann

Die Behandlung von Tumorschmerzen mit medizinischem Cannabis erfordert häufig wiederholte Anpassungen, Verlaufskontrollen und eine enge Abstimmung zwischen Ärztinnen, Ärzten und Apotheken. Digitale Gesundheitsplattformen können diesen Prozess strukturieren, vereinfachen und transparenter machen, ohne die ärztliche Verantwortung zu ersetzen. Ziel ist es, medizinische, rechtliche und organisatorische Anforderungen in einem Versorgungspfad zusammenzuführen.

  • ärztliche Beurteilung und Indikationsstellung (online oder hybrid)
  • strukturiertes Aufklärungsgespräch zu Nutzen, Grenzen und Nebenwirkungen
  • elektronische Rezeptabwicklung mit Anbindung an geeignete Apotheken
  • digitale Dokumentation von Dosierung, Wirkung und Nebenwirkungen

Ein solches Modell kann Patientinnen und Patienten helfen, ihren Therapiealltag besser zu organisieren, und erleichtert es dem Behandlungsteam, Verlauf und Sicherheit der Therapie kontinuierlich zu überwachen. Die Telemedizin stellt in diesem Kontext einen Zugangskanal dar, etwa für Erstgespräche oder Verlaufskontrollen. Sie ersetzt jedoch nicht in allen Fällen eine körperliche Untersuchung oder den persönlichen Kontakt. Entscheidend ist, dass digitale Lösungen immer in ein verantwortungsvolles medizinisches Gesamtkonzept eingebettet sind, das auch Schnittstellen zur onkologischen Primärbehandlung und zur Palliativversorgung berücksichtigt.

Ablauf vom Cannabis-Rezept bis zur Abgabe in der Apotheke

Kostendeckung und praktische Hürden

Ein wesentlicher praktischer Aspekt ist die Frage der Kostenübernahme durch die obligatorische Krankenpflegeversicherung. In der Schweiz erfolgt die Beurteilung in der Regel individuell. Für einige etablierte Einsatzgebiete – etwa bestimmte Formen neuropathischer Schmerzen – kann die Kostengutsprache tendenziell etwas häufiger erteilt werden, während sie bei neueren oder weniger gut belegten Indikationen strenger geprüft wird. Für Tumorschmerzen und palliativmedizinische Anwendungen kann es sowohl bewilligte als auch abgelehnte Gesuche geben.

Patientinnen und Patienten sollten frühzeitig mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprechen, ob ein Antrag auf Kostengutsprache gestellt werden soll und welche Unterlagen dafür erforderlich sind (z. B. bisherige Therapieversuche, Begründung für die Ergänzung mit Cannabis, geplantes Dosierungsschema). Auch wenn eine vollständige Kostenübernahme nicht garantiert werden kann, kann eine sorgfältig begründete Anfrage die Chancen erhöhen. Gleichzeitig ist es wichtig, offen zu kommunizieren, welche finanziellen Belastungen im ungünstigsten Fall selbst zu tragen wären, damit Betroffene informierte Entscheidungen treffen können.

Sicherheit, Risiken und Qualität: Worauf Patientinnen und Patienten achten sollten

Neben Wirksamkeitsfragen spielt die Sicherheit eine zentrale Rolle. Medizinische Cannabistherapie sollte immer mit einer qualitätsgesicherten Versorgung einhergehen. Dazu gehört, dass nur standardisierte, geprüfte Präparate eingesetzt werden, deren Wirkstoffgehalt bekannt ist und deren Herstellung strengen Vorgaben unterliegt. Der Bezug aus nicht regulierten Quellen ist mit erheblichen Risiken verbunden, etwa durch unklare Dosierung, mögliche Verunreinigungen oder nicht deklarierte Beimengungen.

  • mögliche Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel, Konzentrationsstörungen
  • Vorsicht bei gleichzeitiger Einnahme sedierender Medikamente oder Alkohol
  • Beachtung von Kontraindikationen, etwa bei bestimmten psychischen Erkrankungen
  • regelmässige Kontrolle von Blutdruck, Puls und allgemeinen Organfunktionen

Auch soziale und rechtliche Aspekte sind zu beachten: Führen von Fahrzeugen unter Einfluss von THC-haltigen Medikamenten kann rechtliche Konsequenzen haben, wenn Fahruntüchtigkeit vorliegt. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sollten nicht ohne Notwendigkeit über medikamentöse Details informiert werden, gleichzeitig kann in sicherheitsrelevanten Berufen eine offene, aber datenschutzkonforme Kommunikation sinnvoll sein. Das BAG weist zudem darauf hin, dass hohe Erwartungen im Vergleich zur beobachteten Wirksamkeit problematisch sein können. Eine nüchterne, gut informierte Haltung unterstützt Patientinnen, Patienten und Behandelnde dabei, Cannabis als das zu sehen, was es derzeit ist: eine mögliche ergänzende Option mit Potenzial, aber auch mit Grenzen.

Anti-tumorale Effekte: Forschungsstand und seriöse Einordnung

In den letzten Jahren sind vermehrt Grundlagenarbeiten und kleinere klinische Studien erschienen, die auf potenzielle anti-tumorale Eigenschaften bestimmter Cannabinoide hinweisen, insbesondere von THC in höheren Dosierungen. Dabei wurden je nach Krebsart unterschiedliche Effekte beschrieben, etwa auf Zellteilung, Apoptose oder Angiogenese. Diese Daten sind aus wissenschaftlicher Sicht interessant, erlauben jedoch aktuell keine generelle Empfehlung für eine gezielte anti-tumorale Therapie mit Cannabis bei Menschen.

Für Patientinnen und Patienten mit Tumorschmerzen ist es wichtig zu verstehen, dass:

  • anti-tumorale Effekte bislang überwiegend experimentell oder in sehr kleinen Studien untersucht wurden
  • die Standardtherapien der Onkologie (Operation, Chemo-, Immun- oder Strahlentherapie) dadurch keinesfalls ersetzt werden
  • Cannabis in der klinischen Routine primär symptomorientiert eingesetzt wird
  • weitere hochwertige, grosse Studien notwendig sind, um offene Fragen zu klären

Ärztinnen und Ärzte sollten offen kommunizieren, welche Erkenntnisse es heute gibt und wo die Grenzen des Wissens liegen. Ein transparenter Umgang mit Unsicherheiten stärkt das Vertrauen und verhindert falsche Hoffnungen. Für die Zukunft ist zu erwarten, dass Forschungsergebnisse differenzierter darstellen werden, welche Tumorarten und welche Patientengruppen potenziell profitieren könnten – bis dahin bleibt die anti-tumorale Wirkung ein Forschungsfeld, nicht aber ein etablierter klinischer Standard.

Häufig gestellte Fragen

Häufige Fragen zu Cannabis bei Tumorschmerzen

Kann Cannabis starke Tumorschmerzen vollständig ersetzen?

In der Regel nicht. Bei ausgeprägten Tumorschmerzen kommen häufig Stufentherapien mit Opioiden und anderen Schmerzmitteln zum Einsatz. Cannabis wird eher als Ergänzung geprüft, um die Gesamtbelastung durch Schmerzen und Begleitsymptome zu reduzieren. Ob sich Opioiddosen senken lassen oder eine zusätzliche Wirkung erzielt wird, ist individuell unterschiedlich und sollte eng ärztlich begleitet werden.

Wie schnell wirkt medizinisches Cannabis gegen Schmerzen?

Das hängt stark von der Darreichungsform ab. Orale Tropfen und Kapseln benötigen meist 30 bis 90 Minuten bis zum Wirkungseintritt, sublinguale Anwendungen können etwas schneller wirken. Inhalative medizinische Anwendungen (z. B. über geprüfte Vaporizer) haben einen rascheren Effekt, werden aber in der Schweiz vorsichtig und nur unter klaren Vorgaben eingesetzt. Generell ist mit einem schrittweisen Wirkeintritt im Verlauf von Tagen bis Wochen zu rechnen, weil die Dosis langsam gesteigert wird.

Wer entscheidet, ob Cannabis für mich geeignet ist?

Die Entscheidung trifft immer eine in der Schweiz zugelassene Ärztin oder ein zugelassener Arzt nach einer individuellen Beurteilung. Dabei werden Art und Stadium der Tumorerkrankung, bisherige Therapien, aktuelle Medikamente, Begleiterkrankungen und persönliche Behandlungsziele berücksichtigt. Auch Risiken, Kontraindikationen und mögliche Wechselwirkungen fliessen in die Entscheidung ein. Eine eigenständige Selbstmedikation mit nicht verschriebenen Cannabisprodukten ist nicht zu empfehlen.

Übernimmt meine Krankenkasse die Kosten für die Cannabis-Therapie?

Die Kostenübernahme wird meistens im Einzelfall geprüft. Ärztinnen und Ärzte können bei der Krankenversicherung eine Kostengutsprache beantragen und die Gründe für den Einsatz von medizinischem Cannabis darlegen. Ob diese bewilligt wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab, etwa von der Indikation, bisherigen Therapieversuchen und der verfügbaren Evidenz. Eine generelle Garantie für eine Kostenübernahme gibt es derzeit nicht.

Gibt es ein Risiko für Abhängigkeit bei medizinischem Cannabis?

THC-haltige Präparate können bei längerfristiger und hochdosierter Einnahme ein gewisses Risiko für eine Abhängigkeitsentwicklung mit sich bringen. In der medizinischen Behandlung werden Dosierung, Therapiedauer und klinische Situation jedoch eng überwacht. Bei sorgfältiger ärztlicher Führung, klarer Indikation und regelmässiger Kontrolle ist das Risiko in der onkologischen Praxis nach heutigem Kenntnisstand begrenzt. Wichtig ist, die Einnahme nie ohne Rücksprache abrupt zu verändern.

Darf ich unter einer Cannabis-Therapie Auto fahren?

Hier ist Vorsicht geboten. THC kann die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen. Rechtlich ist nicht der Besitz eines Rezepts entscheidend, sondern ob Sie zum Zeitpunkt der Fahrt tatsächlich fahrtüchtig sind. Bei Beginn der Therapie, bei Dosisänderungen oder bei spürbaren Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder Schwindel sollte auf das Fahren verzichtet werden. Besprechen Sie dieses Thema unbedingt mit Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem behandelnden Arzt.

Ist CBD ohne THC immer unproblematisch?

Auch CBD kann Nebenwirkungen haben und mit anderen Medikamenten interagieren, etwa über den Leberstoffwechsel. Zwar wirkt CBD nicht berauschend, dennoch sollte seine Einnahme bei Tumorerkrankungen und unter laufender Medikation ebenfalls ärztlich abgestimmt sein. Eigenständige, hochdosierte Einnahmen ohne Wissen des Behandlungsteams sind nicht empfehlenswert, da sie die Gesamttherapie unbeabsichtigt beeinflussen können.

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