Medizinisches Cannabis bei chronischen Schmerzen: Ein fundierter Überblick
Medizinisches Cannabis rückt in der Schweiz zunehmend in den Fokus, wenn es um die Behandlung von chronischen Schmerzen geht. Viele Patient:innen suchen nach Alternativen zu herkömmlichen Schmerzmitteln, insbesondere wenn diese unzureichend wirken oder deutliche Nebenwirkungen verursachen. Gleichzeitig ist der rechtliche Rahmen klar geregelt und der Einsatz streng kontrolliert. Dieser Beitrag bietet einen umfassenden, wissenschaftlich fundierten und zugleich praxisnahen Überblick zu Wirkungsweise, Einsatzgebieten, Sicherheitsaspekten und rechtlichen Voraussetzungen von medizinischem Cannabis bei chronischen Schmerzen in der Schweiz.
Medizinisches Cannabis bei chronischen Schmerzen: Ein fundierter Überblick
Einleitung und Kontext
Chronische Schmerzen sind ein komplexes und weit verbreitetes Gesundheitsproblem, das das Leben vieler Menschen erheblich beeinträchtigt. Die konventionellen Therapieansätze stossen oft an ihre Grenzen, weshalb der Bedarf an alternativen Therapiemöglichkeiten wächst. Hier rückt medizinisches Cannabis zunehmend in den Mittelpunkt des Interesses. In der Schweiz wird der Einsatz von Cannabis in der Medizin genau überwacht und reguliert, um die Sicherheit und Wirksamkeit für Patient:innen zu gewährleisten.
Chronische Schmerzen gelten dann als chronisch, wenn sie länger als drei bis sechs Monate andauern oder über die übliche Heilungszeit einer Verletzung hinaus bestehen. Sie betreffen nicht nur den Körper, sondern häufig auch Schlaf, Stimmung, Leistungsfähigkeit und soziale Teilhabe. Häufig eingesetzte Medikamente wie nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), Paracetamol, Antidepressiva oder Opioide helfen nicht allen Betroffenen ausreichend oder verursachen teilweise erhebliche Nebenwirkungen. Vor diesem Hintergrund wird medizinisches Cannabis als ergänzende Option diskutiert – nicht als Wundermittel, sondern als Baustein in einem multimodalen Behandlungskonzept, das auch Physiotherapie, Psychotherapie, Bewegung und Lebensstilfaktoren umfasst.
Wichtig ist: Medizinisches Cannabis unterscheidet sich klar von nicht-medizinischem, freizeitlich konsumiertem Cannabis. Es handelt sich um standardisierte, kontrollierte Arzneimittel oder Arzneimittelzubereitungen mit definierten Gehalten an Cannabinoiden. Die Behandlung erfolgt unter ärztlicher Verantwortung mit dem Ziel, Schmerzen zu lindern, Funktionen zu verbessern und die Lebensqualität zu erhöhen – nicht, um einen Rausch zu erzeugen.
Überblick über die Rolle von Cannabis in der Schmerzbehandlung
Medizinisches Cannabis wird bei verschiedenen Erkrankungen eingesetzt, insbesondere wenn traditionelle Therapien versagen. Es wirkt hauptsächlich durch die Modulation der Schmerzverarbeitung im zentralen Nervensystem. Verschiedenste Darreichungsformen, von Extrakten bis zu synthetischen Cannabinoiden, bieten flexible Anwendungsmöglichkeiten, die spezifisch auf die Bedürfnisse und die Schmerzsituation der Betroffenen abgestimmt werden können. In der Schweiz ist der Zugang zu solchen Therapien jedoch mit rechtlichen und medizinischen Bedingungen verknüpft.
Die Rolle von Cannabis in der Schmerztherapie ist vor allem bei chronischen, schwer behandelbaren Verläufen relevant. Dazu zählen insbesondere neuropathische Schmerzen (etwa nach Nervenschädigungen, bei Polyneuropathien oder Multiple Sklerose), aber auch bestimmte Tumorschmerzen oder therapieresistente Spastik, die häufig von Schmerzen begleitet wird. In diesen Situationen kann Cannabis helfen, Schmerzintensität, Schmerzfrequenz und Schmerzspitzen zu reduzieren und dadurch Alltagsfunktionen zu verbessern. Es ersetzt in der Regel keine Basistherapien, kann jedoch andere Schmerzmittel ergänzen oder deren Dosis reduzieren helfen.
In der praktischen Versorgung werden hauptsächlich ölbasierte Extrakte, standardisierte Blüten zur Inhalation (z. B. mittels Vaporizer) sowie zugelassene Fertigarzneimittel eingesetzt. Die Auswahl hängt unter anderem vom Schmerzt yp, der gewünschten Wirkgeschwindigkeit, möglichen Begleiterkrankungen und der individuellen Verträglichkeit ab. Eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung und eine strukturierte Verlaufskontrolle sind dabei unverzichtbar.
Fachliche Vertiefung: Wirkmechanismen von Cannabis
Die Wirksamkeit von Cannabis in der Schmerzbehandlung ist auf die Interaktion der Cannabinoide mit dem endogenen Cannabinoid-System zurückzuführen. Hauptakteure sind die Cannabinoid-Rezeptoren, die unter anderem an der Schmerzwahrnehmung beteiligt sind. Vor allem die Cannabinoide THC und CBD haben sich in Studien als wirksame Komponenten zur Linderung von chronischen Schmerzen herausgestellt. THC hat eine schmerzlindernde Wirkung, während CBD entzündungshemmende Effekte zeigt.
Das endogene Cannabinoid-System besteht aus körpereigenen Signalstoffen (Endocannabinoiden), ihren Rezeptoren (vor allem CB1 und CB2) sowie Enzymen, die diese Botenstoffe auf- und abbauen. CB1-Rezeptoren finden sich insbesondere im zentralen Nervensystem und beeinflussen unter anderem Schmerzleitung, Stimmung, Appetit und Übelkeit. CB2-Rezeptoren sind stärker im Immunsystem und in entzündlichen Geweben vertreten und spielen eine Rolle bei Entzündungsprozessen. Pflanzliche (phytogene) Cannabinoide wie THC und CBD docken an diese Rezeptoren an oder beeinflussen die Verfügbarkeit der körpereigenen Endocannabinoide. Dadurch kann die Weiterleitung von Schmerzsignalen im Rückenmark und Gehirn abgeschwächt, die Schmerzwahrnehmung verändert und die Entzündungsaktivität in den Geweben moduliert werden. Zusätzlich interagieren Cannabinoide mit weiteren Rezeptorsystemen (z. B. Serotonin-, Vanilloid- oder GABA-Rezeptoren), was die komplexe Gesamtwirkung erklärt.
Unterschiede zwischen THC und CBD
THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol) sind die prominentesten Cannabinoide. THC ist bekannt für seine psychoaktiven Effekte, während CBD nicht psychoaktiv ist und potenziell beruhigend wirkt. In der Schmerztherapie werden häufig Kombinationen aus beiden eingesetzt, um die jeweiligen Vorteile zu maximieren und Nebenwirkungen zu minimieren. Sowohl klinische Erfahrungen als auch Studien zeigen, dass die Kombination beider Cannabinoide synergistische Effekte auf die Schmerzlinderung haben kann.
THC bindet vor allem an CB1-Rezeptoren im zentralen Nervensystem und entfaltet dort seine schmerzlindernden, muskelentspannenden, appetitsteigernden und antiemetischen Effekte. Gleichzeitig sind die bekannten psychoaktiven Wirkungen (z. B. veränderte Wahrnehmung, Rausch, Beeinträchtigung der Reaktionsfähigkeit) auf diese Bindung zurückzuführen. CBD wirkt deutlich komplexer: Es bindet nur schwach an CB1- und CB2-Rezeptoren, beeinflusst jedoch die Verfügbarkeit körpereigener Endocannabinoide und moduliert andere Signalwege. Klinisch werden CBD insbesondere angstlösende, entzündungshemmende und antikonvulsive Eigenschaften zugeschrieben. In der Schmerztherapie kann CBD die Verträglichkeit von THC verbessern, indem es psychoaktive Effekte abmildert, ohne die schmerzlindernde Wirkung wesentlich zu beeinträchtigen. Je nach Präparat und Indikation kommen deshalb unterschiedliche THC:CBD-Verhältnisse zum Einsatz, etwa THC-dominante Produkte bei starken neuropathischen Schmerzen oder ausgewogenere Verhältnisse bei Patient:innen mit höherem Risiko für unerwünschte psychische Effekte.
Indikationen und klinische Evidenz
Die Anwendung von medizinischem Cannabis ist insbesondere bei neuropathischen Schmerzen, Arthrose, und Multipler Sklerose gut dokumentiert. Studien zeigen, dass insbesondere Nervenschmerzen, die auf herkömmliche Therapieansätze nicht ansprechen, mit Cannabis signifikante Linderungen erfahren können. Trotz seiner potenziellen Vorteile gibt es auch Limitationen: Nicht alle Patient:innen sprechen gleichermassen auf die Behandlung an, und die Langzeitwirkungen sind noch nicht vollständig erforscht.
Internationale Leitlinien und Übersichtsarbeiten fassen die Evidenzlage so zusammen, dass Cannabispräparate bei bestimmten Formen chronischer Schmerzen einen moderaten Nutzen haben können. Am besten untersucht sind neuropathische Schmerzen, etwa bei Multipler Sklerose, HIV-assoziierten Neuropathien oder nach Nervenschädigungen. Hier konnten in randomisierten Studien signifikante, wenn auch meist moderate Reduktionen der Schmerzintensität gezeigt werden. Bei tumorassoziierten Schmerzen und Schmerzen im Rahmen der Palliativmedizin berichten viele Patient:innen über Verbesserungen, insbesondere wenn andere Optionen ausgeschöpft sind. Für nozizeptive Schmerzen (z. B. rein mechanisch bedingte Rückenschmerzen ohne Nervenbeteiligung) ist die Datenlage zurückhaltender, weshalb Cannabis hier eher als Einzelfallentscheidung betrachtet wird. Insgesamt zeigt sich, dass Cannabis dort am sinnvollsten ist, wo andere Therapien nicht ausreichend helfen oder nicht vertragen werden und wo ein strukturierter Therapieversuch mit klar definierten Zielen möglich ist.
Bei der Bewertung der Studienlage ist wichtig zu unterscheiden zwischen statistisch nachweisbaren Effekten und individuell erlebtem Nutzen. In Metaanalysen zeigt sich zwar meist nur eine moderate durchschnittliche Schmerzreduktion, einzelne Patient:innen berichten jedoch über deutlich grössere Verbesserungen von Schmerzen, Schlaf und Alltagsbewältigung. Daher empfiehlt sich eine individuelle Therapieentscheidung mit klarer Dokumentation von Ziele, Wirkung und möglichen Nebenwirkungen.
Einordnung der rechtlichen Grundlagen in der Schweiz
In der Schweiz ist medizinisches Cannabis für den Einsatz bei schweren und nicht anders behandelbaren chronischen Schmerzen zugelassen. Der Einsatz unterliegt strengen Kontrollen und muss von qualifizierten Fachpersonen begleitet werden. Der Zugang zu Cannabis-Therapien wird durch spezifische Regularien geregelt, die die Arzneimittelsicherheit sicherstellen sollen und Missbrauch verhindern.
Seit der gesetzlichen Anpassung dürfen Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz unter bestimmten Voraussetzungen Cannabisarzneimittel verschreiben, ohne für jeden Einzelfall eine Ausnahmebewilligung beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) einholen zu müssen. Voraussetzung ist in der Regel, dass eine anerkannte Indikation vorliegt, andere Therapieoptionen nicht ausreichend gewirkt haben oder kontraindiziert sind und dass der Einsatz medizinisch begründbar ist. Verwendet werden dürfen nur zugelassene oder vom Heilmittelrecht erfasste Produkte aus kontrollierten Quellen. Die Verschreibung erfolgt auf einem Betäubungsmittelrezept, und Apotheken unterliegen strengen Vorgaben hinsichtlich Lagerung, Dokumentation und Abgabe. Patient:innen müssen darüber informiert werden, dass die Datenlage – je nach Indikation – teilweise noch begrenzt ist und dass eine regelmässige Evaluation von Nutzen und Risiken vorgesehen ist.
| Anwendung | Chronische Krankheiten |
|---|---|
| Orale Tinkturen | Nervenschmerzen, Multiple Sklerose |
| Sublinguale Sprays | Arthrose, Spastik |
Die in der Tabelle aufgeführten Darreichungsformen zeigen exemplarisch, wie flexibel medizinisches Cannabis in der Praxis genutzt werden kann. Orale Tinkturen eignen sich insbesondere für eine kontinuierliche, gut steuerbare Grundversorgung von Schmerzen, da sie langsam aufgenommen werden und relativ stabile Wirkspiegel ermöglichen. Dies ist besonders bei chronischen Nervenschmerzen oder anhaltenden Beschwerden im Rahmen der Multiplen Sklerose relevant. Sublinguale Sprays werden über die Mundschleimhaut aufgenommen und wirken meist etwas schneller, was bei schubartig auftretenden Schmerzen oder Spastik vorteilhaft sein kann. Wichtig ist die sorgfältige Dosisfindung („start low, go slow“), um Nutzen und mögliche Nebenwirkungen in ein angemessenes Verhältnis zu bringen. Statistisch zeigen Studien, dass ein relevanter Anteil der Patient:innen von solchen Applikationsformen profitiert, gleichzeitig kommt es aber auch bei einem Teil zu unzureichender Wirkung oder Unverträglichkeit. Die Einordnung erfolgt deshalb immer individuell und im Kontext der gesamten Behandlungssituation.
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Allgemeine Fragen
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Sicherheit, Dosierung und Nebenwirkungen
Obwohl medizinisches Cannabis bei der Schmerzbehandlung vielversprechend ist, gibt es mögliche Nebenwirkungen. Diese können von mildem Schwindel bis hin zu schweren kognitiven Beeinträchtigungen reichen. Ein besonderes Augenmerk sollte auf die Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten gelegt werden. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Müdigkeit, trockener Mund und Schwindel. Eine genaue Dosierung und kontinuierliche Überwachung durch spezialisierte Mediziner:innen sind daher von entscheidender Bedeutung.
In der Praxis gilt der Grundsatz, mit einer niedrigen Dosis zu beginnen und diese langsam zu steigern, bis ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Wirkung und Verträglichkeit erreicht ist. Patient:innen werden ermutigt, ein Symptomtagebuch zu führen, in dem Schmerzintensität, Schlaf, Stimmung und etwaige Nebenwirkungen dokumentiert werden. Dies erleichtert es Ärztinnen und Ärzten, Dosisanpassungen vorzunehmen und den Nutzen der Therapie realistisch einzuschätzen. Zu den häufiger berichteten Begleiterscheinungen zählen neben Müdigkeit und Schwindel auch Mundtrockenheit, leichter Blutdruckabfall, gelegentliche Übelkeit oder Veränderungen des Appetits. Bei THC-haltigen Präparaten können zudem vorübergehende Beeinträchtigungen von Konzentration, Reaktionsvermögen und Kurzzeitgedächtnis auftreten. In seltenen Fällen kann es insbesondere bei höheren Dosen oder bei dafür anfälligen Personen zu Angstzuständen oder vorübergehenden psychotischen Symptomen kommen. Deshalb ist eine sorgfältige Auswahl der Patient:innen sowie eine offene Aufklärung über Risiken und Vorsichtsmassnahmen – zum Beispiel im Strassenverkehr – zentral.
Praktische Anwendung und Therapieplanung bei chronischen Schmerzen
Damit medizinisches Cannabis sein Potenzial in der Schmerztherapie entfalten kann, ist ein strukturierter Therapieplan wichtig. Am Anfang steht eine genaue Anamnese mit Erfassung der Schmerzursache, bisherigen Behandlungen, Begleiterkrankungen und eingenommenen Medikamenten. Darauf aufbauend werden Behandlungsziele definiert, etwa eine bestimmte Reduktion der Schmerzintensität, eine Verbesserung des Schlafs oder eine Steigerung der Alltagsaktivitäten. Cannabis wird in der Regel nicht als Monotherapie, sondern im Rahmen eines multimodalen Konzepts eingesetzt.
Im weiteren Verlauf erfolgt ein individueller Auswahlprozess des Präparats (z. B. THC-dominant, CBD-dominant oder Mischpräparat) und der Applikationsform (Öl, Spray, standardisierte Blüte zur Inhalation). Die Dosis wird langsam gesteigert, meist über mehrere Wochen, bis ein stabiler Zustand erreicht ist. Nach einer definierten Testphase – beispielsweise drei Monate – wird gemeinsam bilanziert, ob die Therapieziele erreicht wurden, ob Nebenwirkungen tolerierbar sind und ob die Behandlung fortgeführt, angepasst oder beendet werden soll. Dieser prozessorientierte Ansatz erlaubt es, Cannabis rational und verantwortungsvoll einzusetzen, anstatt auf Versuch und Irrtum zu vertrauen.
Patient:innenperspektive und Lebensqualität
Chronische Schmerzen wirken sich in vielen Fällen massiv auf die Lebensqualität aus. Betroffene berichten häufig über Einschränkungen bei Schlaf, Mobilität, Berufstätigkeit und sozialen Kontakten. Hinzu kommen nicht selten Ängste, depressive Verstimmungen oder ein Gefühl der Hilflosigkeit, wenn herkömmliche Behandlungen nicht ausreichend greifen. Im klinischen Alltag schildern einige Patient:innen unter medizinischem Cannabis eine bessere Schlafqualität, eine Entspannung der Muskulatur, weniger Schmerzspitzen und eine erleichterte Bewältigung des Alltags.
Diese subjektiv erlebten Verbesserungen sind ein wichtiger Bestandteil der Therapieevaluation, müssen aber immer im Zusammenhang mit objektiv erfassbaren Parametern betrachtet werden. Fragebögen zur Schmerzintensität, Funktionsfähigkeit und Lebensqualität können helfen, Veränderungen systematisch zu erfassen. Gleichzeitig sollten Ärzt:innen mit Patient:innen offen über realistische Erwartungen sprechen: Medizinisches Cannabis kann Schmerzen oft lindern, führt jedoch selten zu vollständiger Schmerzfreiheit. Ziel ist es vielmehr, einen Alltag zu ermöglichen, in dem Schmerzen weniger dominieren und Aktivitäten wieder etwas besser möglich sind. Eine gute Kommunikation, ein verständlicher Behandlungsplan und die Einbindung von Umfeld und Angehörigen tragen wesentlich dazu bei, dass eine Cannabis-Therapie konstruktiv und verantwortungsvoll verläuft.
Fazit und Ausblick
Die Anwendung von medizinischem Cannabis bei chronischen Schmerzen bietet eine wertvolle Therapiemöglichkeit, vor allem wenn andere Behandlungen versagen. Dennoch sind weitere Forschung und eine engmaschige Überwachung notwendig, um die Langzeitwirkungen und die optimale Nutzung dieser Therapieoption vollständig zu verstehen. Fortschritte in der Forschung könnten künftig zu einer stärkeren Integration von Cannabis in die reguläre Schmerztherapie führen. Nach aktuellem Stand bleibt die Therapie eine individuell abzuwägende Option, die fachlich fundiert begleitet werden muss.
Für die Schweiz bedeutet dies konkret: Medizinisches Cannabis ist weder Allheilmittel noch Randphänomen, sondern eine ernstzunehmende Option im Spektrum der Schmerztherapie. Der rechtliche Rahmen schafft die Grundlage für eine kontrollierte, evidenzbasierte Anwendung. Gleichzeitig bleiben Ärzt:innen, Apotheker:innen und Patient:innen gefordert, Chancen und Grenzen realistisch zu beurteilen, Therapien sorgfältig zu planen und Erfahrungen systematisch zu dokumentieren. Mit zunehmender wissenschaftlicher Evidenz ist zu erwarten, dass Indikationen, Dosierungsschemata und Langzeiteffekte künftig noch besser definierbar werden. Bis dahin bleibt medizinisches Cannabis eine Option für ausgewählte Patient:innen mit chronischen Schmerzen, bei denen der potenzielle Nutzen die bekannten Risiken überwiegt und die bereit sind, sich auf eine engmaschig begleitete Therapie einzulassen.
Häufig gestellte Fragen
Wie wirkt medizinisches Cannabis konkret bei chronischen Schmerzen?
Medizinisches Cannabis greift in das körpereigene Cannabinoid-System ein, das an der Regulation von Schmerz, Entzündung, Stimmung und Schlaf beteiligt ist. Cannabinoide wie THC und CBD binden an Cannabinoid-Rezeptoren (CB1 und CB2) im Nervensystem und Immunsystem oder beeinflussen die Verfügbarkeit körpereigener Endocannabinoide. Dadurch kann die Weiterleitung von Schmerzsignalen im Rückenmark und Gehirn abgeschwächt, die Bewertung von Schmerz im Gehirn verändert und die Entzündungsaktivität in Geweben reduziert werden. In der Summe erleben viele Patient:innen eine moderate Reduktion der Schmerzintensität, eine Abnahme von Schmerzspitzen und häufig auch eine Verbesserung von Schlaf und Muskelspannung. Die konkrete Wirkung ist individuell unterschiedlich und hängt unter anderem von der Art des Schmerzes, der Dosis, dem Verhältnis von THC zu CBD und der gewählten Darreichungsform ab.
Für welche Patient:innen mit chronischen Schmerzen kommt medizinisches Cannabis infrage?
Infrage kommen vor allem Patient:innen mit schweren, chronischen Schmerzen, bei denen etablierte Therapien unzureichend wirken oder wegen Nebenwirkungen nicht weitergeführt werden können. Am besten untersucht ist die Anwendung bei neuropathischen Schmerzen, etwa im Rahmen von Multipler Sklerose, bestimmten Nervenschädigungen oder Polyneuropathien. Auch bei tumorassoziierten Schmerzen und in der Palliativmedizin kann medizinisches Cannabis eine Option sein, wenn andere Behandlungen nicht ausreichend helfen. Eine sorgfältige ärztliche Abklärung ist immer Voraussetzung: Dabei werden Schmerzursache, bisherige Therapien, Begleiterkrankungen, potenzielle Risiken (z. B. Psychoseanamnese, Suchterkrankungen) und Wechselwirkungen mit bestehenden Medikamenten geprüft. Erst danach wird entschieden, ob ein strukturierter Therapieversuch mit Cannabis sinnvoll ist.
Ist medizinisches Cannabis in der Schweiz legal und wie erhalte ich es?
Ja, medizinisches Cannabis ist in der Schweiz unter klar definierten Bedingungen legal. Ärztinnen und Ärzte dürfen Cannabisarzneimittel bei bestimmten Indikationen verschreiben, wenn andere anerkannte Therapieoptionen nicht ausreichen oder nicht vertragen werden. Die Verschreibung erfolgt auf einem Betäubungsmittelrezept, und die Abgabe erfolgt über Apotheken, die die gesetzlichen Vorgaben zur Lagerung und Dokumentation einhalten. Als Patient:in benötigen Sie keine eigene Bewilligung, aber eine ärztliche Verordnung. Der erste Schritt ist ein Gespräch mit einer qualifizierten Fachperson, idealerweise mit Erfahrung in der Schmerztherapie und im Umgang mit Cannabispräparaten. Dort werden Indikation, Ziele, mögliche Nebenwirkungen und der rechtliche Rahmen ausführlich besprochen, bevor eine Therapie begonnen wird.
Welche Nebenwirkungen können bei einer Therapie mit medizinischem Cannabis auftreten?
Zu den häufigsten Nebenwirkungen von medizinischem Cannabis gehören Müdigkeit, Schwindel, trockener Mund, gelegentliche Übelkeit sowie Veränderungen von Appetit und Blutdruck. Bei THC-haltigen Präparaten können zudem vorübergehend Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, verlangsamte Reaktionsfähigkeit oder eine veränderte Wahrnehmung auftreten. In höheren Dosen oder bei empfindlichen Personen sind Angstzustände oder – selten – vorübergehende psychotische Symptome möglich. Das Risiko für Nebenwirkungen lässt sich durch eine niedrige Anfangsdosis und ein langsames Steigern („start low, go slow“) reduzieren. Wichtig sind eine enge ärztliche Begleitung, eine transparente Aufklärung – inklusive Hinweise zur Verkehrstauglichkeit – sowie eine regelmässige Überprüfung, ob der Nutzen die möglichen Risiken überwiegt.
Quellen
- Deutsche Schmerzgesellschaft: Cannabis in der Schmerzbehandlung – Patienteninformation zu Einsatzgebieten, Wirksamkeit und Grenzen von Cannabis in der Schmerztherapie.
- Bundesamt für Gesundheit BAG: Medizinischer Cannabis – Informationen zum rechtlichen Rahmen und zur Anwendung von medizinischem Cannabis in der Schweiz.
- Bundesamt für Gesundheit BAG – Offizielle Gesundheitsinformationen und rechtliche Grundlagen zu Betäubungsmitteln und medizinischen Therapien.