Zum Hauptinhalt springen
evidena care

Cannabis-Therapie beim Dravet-Syndrom bei Kindern

12 Min. Lesezeit

Das Dravet-Syndrom ist eine seltene, schwere frühkindliche Epilepsie, bei der herkömmliche Medikamente oft nicht ausreichen. Cannabidiol (CBD) aus der Cannabis-Pflanze bietet hier eine zusätzliche, ärztlich überwachte Therapieoption. • Besseres Verständnis der Erkrankung und der Rolle von CBD • Realistische Einschätzung von Chancen und Risiken der Therapie • Einblick, wie eine moderne, digital unterstützte Versorgung in der Schweiz aussehen kann

Das Dravet-Syndrom ist eine der schwersten Epilepsieformen im Kindesalter. Viele Familien suchen nach zusätzlichen Möglichkeiten, wenn herkömmliche Medikamente die Anfälle nicht ausreichend kontrollieren. Cannabidiol (CBD), ein Wirkstoff aus der Cannabis-Pflanze, ist heute eine anerkannte, aber klar begrenzte Option in der Behandlung dieser seltenen Erkrankung.

Uebersicht medizinische Indikationen für Cannabis, inklusive Epilepsie

Dravet-Syndrom: Grundlagen, Verlauf und Herausforderungen im Alltag

Das Dravet-Syndrom ist eine genetisch bedingte, frühkindliche Epilepsie mit einer Häufigkeit von etwa 1:20'000 bis 1:40'000 Geburten. Die Erkrankung beginnt meist im Alter von 6 bis 12 Monaten, häufig im Zusammenhang mit Fieber. Ein Grossteil der Kinder zeigt eine Mutation im SCN1A-Gen, das für Natriumkanäle in Nervenzellen verantwortlich ist. Diese genetische Veränderung führt zu einer erhöhten Erregbarkeit im Gehirn und begünstigt wiederkehrende, oft schwer behandelbare epileptische Anfälle.

Im Verlauf nehmen die Anfälle meist an Häufigkeit und Vielfalt zu: generalisierte tonisch-klonische Anfälle, myoklonische Zuckungen, fokale Anfälle und Status epilepticus sind typische Muster. Viele Kinder bleiben trotz Kombination mehrerer Antiepileptika nicht anfallsfrei. Parallel treten Entwicklungsverzögerungen, Störungen der Sprache, der Motorik und der Kognition auf. Auch Verhaltensauffälligkeiten, Schlafstörungen und eine erhöhte Unfallgefahr belasten den Alltag stark. Für Eltern bedeutet dies eine dauerhafte Sorge um Sicherheit, Notfallsituationen und langfristige Perspektiven ihres Kindes.

Neben der medizinischen Komplexität ist das Dravet-Syndrom auch psychisch und organisatorisch herausfordernd: wiederholte Spitalaufenthalte, häufige Anpassungen der Therapie und der Bedarf an spezialisierten Zentren sind typisch. Eine strukturierte, interdisziplinäre Betreuung – idealerweise ergänzt durch digitale Unterstützungsangebote – kann hier helfen, den Alltag besser zu organisieren, Notfallpläne abzustimmen und Therapien regelmässig zu überprüfen.

Cannabidiol beim Dravet-Syndrom: Wirkmechanismus und Abgrenzung zu THC

Cannabidiol (CBD) ist ein nicht berauschendes Cannabinoid aus der Cannabis-Pflanze. Anders als Tetrahydrocannabinol (THC) entfaltet CBD keine psychotrope Wirkung, verursacht kein "High" und wird in der medizinischen Epilepsietherapie als reiner Wirkstoff in standardisierter Form eingesetzt. Die exakten Mechanismen, mit denen CBD Anfälle beeinflusst, sind noch nicht vollständig geklärt. Es gibt Hinweise auf Modulation des Endocannabinoid-Systems, eine Beeinflussung von Ionenkanälen und eine dämpfende Wirkung auf entzündliche Prozesse im Gehirn.

In der Behandlung des Dravet-Syndroms wird CBD in Form eines zugelassenen Fertigarzneimittels verabreicht, das einen definierten Wirkstoffgehalt bietet und strengen Qualitätskontrollen unterliegt. Es unterscheidet sich klar von frei verkäuflichen CBD-Ölen oder Nahrungsergänzungsmitteln, die keine Zulassung als Arzneimittel besitzen und nicht für die Behandlung schwerer Epilepsien geprüft wurden. Entscheidend ist, dass die CBD-Therapie bei Dravet-Patientinnen und -Patienten immer Teil eines umfassenden ärztlich begleiteten Behandlungsplans ist.

Vergleich von THC und CBD in der Cannabis-Pflanze

THC und CBD: Unterschiedliche Rollen in der Medizin

Während THC vor allem aufgrund seiner schmerzstillenden, muskelentspannenden und appetitanregenden Eigenschaften in ausgewählten Indikationen eingesetzt wird, steht bei CBD die mögliche antiepileptische und angstlösende Wirkung im Vordergrund. In der Therapie des Dravet-Syndroms kommt ausschliesslich CBD in Reinform zum Einsatz. Für Eltern und Angehörige ist wichtig zu verstehen, dass es sich hierbei um eine klar dosierte, ärztlich überwachte Behandlung handelt und nicht um die Nutzung von Cannabis-Produkten zur Freizeitgestaltung. Die Trennung zwischen medizinischer, zugelassener Cannabinoid-Therapie und nicht regulierten Produkten aus dem Konsumbereich ist wesentlich, um Sicherheit, Wirksamkeit und rechtliche Klarheit zu gewährleisten.

Studienlage: Was klinische Daten zu Cannabidiol beim Dravet-Syndrom zeigen

Mehrere randomisierte, kontrollierte Studien haben die Wirksamkeit und Sicherheit von Cannabidiol beim Dravet-Syndrom untersucht. Eine zentrale Phase-3-Studie umfasste über 120 Kinder, die im Durchschnitt bereits mit drei anderen Antiepileptika behandelt wurden und zuvor mehrere weitere Wirkstoffe erfolglos erhalten hatten. Die Kinder waren rund 10 Jahre alt, etwa ein Drittel jünger als 6 Jahre. Zu Beginn hatten sie durchschnittlich 13 motorische Anfälle pro Monat.

Unter Einnahme eines CBD-Arzneimittels in einer Dosis von 20 mg/kg/Tag kam es über 14 Wochen zu einer durchschnittlichen Reduktion der Anfallshäufigkeit um rund 39 Prozent. In der Placebo-Gruppe betrug die Reduktion etwa 13 Prozent. Sensitivitätsanalysen bestätigten die Robustheit dieses Effekts. Der Unterschied zwischen CBD und Placebo zeigte sich bereits im ersten Behandlungsmonat und hielt über den Studienzeitraum an. Dennoch wurde nicht jedes Kind anfallsfrei, und ein Teil der Patientinnen und Patienten sprach nur begrenzt oder gar nicht an.

Studienbezogene Herausstellungen

  • Teilnahme von über 120 Kindern, statistisch signifikante Ergebnisse im Vergleich zur Placebo-Gruppe.
  • Dosis von circa 20 mg/kg/Tag führte zu signifikantem Rückgang der epileptischen Anfälle.

Die genannten Studienmerkmale zeigen, dass Cannabidiol beim Dravet-Syndrom an einem bereits stark vorbehandelten, schwer betroffenen Patientenkollektiv untersucht wurde. Die Teilnahme von mehr als 120 Kindern unterstreicht, dass ausreichend Daten für eine statistische Auswertung vorliegen. Die verwendete Dosis von etwa 20 mg/kg/Tag hat sich in der Studienlage als typischer Bereich für die Epilepsietherapie etabliert, wird in der klinischen Praxis jedoch stets individuell angepasst und vorsichtig auftitriert. Wichtig ist: Auch wenn ein signifikanter Rückgang der Anfälle beobachtet wurde, profitieren nicht alle Kinder in gleichem Ausmass. Zudem kann die Wirkung von Faktoren wie Begleitmedikamenten, individueller Stoffwechselrate, genetischem Profil und Begleiterkrankungen beeinflusst werden. Die Studien liefern damit eine wichtige Orientierung, ersetzen aber nicht die individuelle ärztliche Risiko-Nutzen-Abwägung im konkreten Einzelfall.

Neben der Reduktion der Anfallshäufigkeit wurde in verschiedenen Analysen untersucht, ob sich auch die Schwere und Dauer der Anfälle verändert und wie sich die Lebensqualität von Kindern und Familien entwickelt. Einige Auswertungen deuten auf Verbesserungen im Alltag hin, beispielsweise weniger ungeplante Spitalaufenthalte oder mehr Phasen ohne schwere Anfälle. Gleichzeitig zeigen die Daten, dass die Entwicklung von Sprache, Motorik und Kognition durch CBD nicht grundsätzlich beeinflusst wird. Cannabidiol ist somit ein Baustein in der Symptomkontrolle, jedoch keine ursächliche Therapie der zugrunde liegenden genetischen Störung.

Infografik zur Dosierung und Titration von medizinischem Cannabis

Nutzen, Risiken und Nebenwirkungen der CBD-Therapie

Die möglichen Vorteile einer CBD-Therapie beim Dravet-Syndrom liegen vor allem in der Reduktion der Häufigkeit und teilweise der Schwere motorischer Anfälle. Für einige Kinder bedeutet dies weniger Notfälle, möglicherweise weniger Stürze und Verletzungen und eine etwas stabilere Alltagsstruktur. Eltern berichten in Einzelfällen auch von subjektiven Verbesserungen wie einem ruhigeren Schlaf oder etwas erhöhter Wachheit am Tag, wobei solche Beobachtungen individuell sehr unterschiedlich sein können.

Auf der anderen Seite stehen Risiken und Nebenwirkungen, die sorgfältig überwacht werden müssen. In klinischen Studien traten häufig Schläfrigkeit, Müdigkeit, Durchfall, verminderter Appetit, Fieber, Erbrechen, Lethargie und Infektionen der oberen Atemwege auf. Besonders relevant sind mögliche Erhöhungen der Leberwerte (Transaminasen), vor allem bei gleichzeitiger Einnahme bestimmter anderer Antiepileptika. In einigen Fällen musste die Behandlung aufgrund von Nebenwirkungen abgebrochen oder die Dosis reduziert werden.

Die CBD-Therapie erfordert daher regelmässige Blutkontrollen, eine Überwachung des Gewichtsverlaufs, die Beurteilung von Tagesmüdigkeit und eine enge Abstimmung mit der bestehenden Medikation. Wichtig ist zudem die realistische Erwartungshaltung: CBD kann bei einem Teil der Kinder die Anfälle reduzieren, aber nicht jede Patientin und jeder Patient profitiert. Ein Auslassversuch oder ein Therapieabbruch kann notwendig werden, wenn der Nutzen nicht überzeugt oder die Verträglichkeit ungenügend ist.

Kriterium Cannabidiol (CBD)
Hauptwirkung Reduktion epileptischer Anfälle
Studienlage Phase-3-Ergebnisse belegen Effektivität
Besondere Nebenwirkungen Leberfunktion, Schläfrigkeit

Die tabellarische Übersicht macht deutlich, dass Cannabidiol in der Dravet-Therapie primär als antiepileptisches Add-on-Medikament eingesetzt wird. Seine wichtigste dokumentierte Wirkung ist die Reduktion der Anfallshäufigkeit, wobei die Effektstärke individuell variiert. Die Studienlage mit Phase-3-Daten unterstützt den Einsatz in klar definierten Indikationen und Dosierungen, rechtfertigt aber keine unkritische Anwendung ausserhalb der zugelassenen Rahmenbedingungen. Besonders die Beeinflussung der Leberfunktion und die Neigung zu Müdigkeit erfordern eine strukturierte Überwachung durch ärztliche Fachpersonen. Für Familien bedeutet dies, dass jede Anpassung der Therapie – etwa eine Dosissteigerung oder die Kombination mit anderen Antiepileptika – in enger Absprache mit der behandelnden Neurologin oder dem behandelnden Neurologen erfolgen sollte.

Wichtige Fragen vor Therapiebeginn

Vor einer CBD-Therapie sollten gemeinsam mit der Fachärztin oder dem Facharzt zentrale Aspekte geklärt werden: Welche Anfallstypen stehen im Vordergrund? Wie ist die aktuelle Medikation eingestellt und wie wurden bisherige Therapien vertragen? Gibt es relevante Begleiterkrankungen wie Leber- oder Stoffwechselstörungen? Wie werden Kontrollen organisiert – vor Ort, über digitale Sprechstunden oder in Kombination? Eine sorgfältige Dokumentation von Anfällen, Nebenwirkungen und Alltagsbeobachtungen ist hilfreich, um den tatsächlichen Nutzen der Therapie einschätzen zu können. Auch sollte geklärt werden, wie im Notfall vorzugehen ist und welche Schritte bei deutlichen Nebenwirkungen einzuleiten sind. So entsteht eine transparente Grundlage, auf der Eltern und Behandelnde gemeinsam entscheiden können, ob und in welcher Form CBD in die bestehende Therapie integriert werden soll.

Individuelle Therapieplanung: Wer kommt für eine CBD-Therapie in Frage?

Nicht jedes Kind mit Dravet-Syndrom profitiert von Cannabidiol, und nicht für alle ist die Therapie geeignet. In der Regel wird CBD in Betracht gezogen, wenn eine schwere, therapieresistente Epilepsie vorliegt, bei der mehrere etablierte Antiepileptika trotz korrekter Einnahme nicht ausreichend wirken. Häufig sind Kinder betroffen, die bereits früh zahlreiche Anfälle und wiederholte Status-episoden erleben, was eine hohe Krankheitslast für die gesamte Familie bedeutet.

Die Auswahl geeigneter Patientinnen und Patienten erfolgt idealerweise in spezialisierten Epilepsiezentren oder durch erfahrene Kinderneurologinnen und -neurologen. Zu den Kriterien gehören unter anderem: gesicherte Diagnose eines Dravet-Syndroms, dokumentierte Anfallshäufigkeit, bisherige Therapieversuche und deren Resultate, Begleiterkrankungen und die Fähigkeit der Familie, eine strukturierte Therapieüberwachung mitzutragen. Gerade bei kleinen Kindern spielen auch Ernährungszustand, Gewichtsentwicklung und das Risiko von Medikamenteninteraktionen eine wichtige Rolle.

Für einige Familien ist zudem wichtig, dass die Organisation der Therapie – inklusive Rezepterstellung, Apothekenanbindung und Verlaufskontrolle – möglichst gut in den Alltag integriert werden kann. Digitale Tools können hier unterstützen, etwa bei der Planung von Terminen, beim Austausch von Anfallsprotokollen oder bei telemedizinischen Follow-up-Gesprächen. Dennoch bleibt die persönliche ärztliche Verantwortung zentral: Jede Entscheidung für oder gegen CBD ist eine Einzelfallentscheidung auf Basis der aktuellen wissenschaftlichen Evidenz und der individuellen Situation des Kindes.

Medizinische Anwendungsformen von Cannabis-Arzneimitteln

Digitale Versorgungsmodelle: Moderne Betreuung für Familien mit Dravet-Syndrom

Für Familien mit einem Kind, das am Dravet-Syndrom leidet, sind Wege zu Spezialistinnen und Spezialisten oft weit und zeitaufwendig. Digitale Versorgungsmodelle können helfen, den Zugang zu Betreuung zu erleichtern, ohne die Qualität der medizinischen Entscheidung zu beeinträchtigen. Telemedizinische Konsultationen ermöglichen zum Beispiel Verlaufsbesprechungen, Anpassungen der Medikation oder Rückfragen zu Nebenwirkungen, ohne dass jede Besprechung mit einem Spitalaufenthalt verbunden sein muss.

Eine integrierte, digital unterstützte Plattform kann verschiedene Elemente verbinden: ärztliche Betreuung (online und wenn nötig vor Ort), strukturierte Aufklärung zur Cannabinoid-Therapie, sichere Rezeptausstellung und Anbindung an Apotheken, die Erfahrung mit medizinischem Cannabis besitzen. Hinzu kommen digitale Patientenportale, in denen Anfallsprotokolle, Laborwerte und Therapiepläne übersichtlich dokumentiert und für die behandelnden Fachpersonen zugänglich sind – selbstverständlich unter Einhaltung der datenschutzrechtlichen Vorgaben.

Telemedizin ist dabei ein Zugangskanal, jedoch nicht der einzige Baustein. Untersuchungen, Blutkontrollen, EEGs und persönliche Beratungen bleiben unverzichtbar. Moderne Versorgungsplattformen zielen eher darauf ab, diese Bausteine sinnvoll zu verzahnen, Doppelaufwände zu vermeiden und die Kommunikation zwischen Eltern, Kinderärztinnen, Neurologen, Epilepsiezentren und Apotheken zu erleichtern. So entsteht ein Versorgungssystem, das sowohl medizinische Qualität als auch den Alltag der Familien im Blick behält.

Grafik zum Ablauf vom Cannabis-Rezept bis zur Abgabe in der Apotheke

Rechtliche Rahmenbedingungen und Besonderheiten in der Schweiz

In der Schweiz ist der Einsatz von medizinischem Cannabis streng reguliert. Für hochdosiertes CBD in Form zugelassener Arzneimittel bestehen spezifische Zulassungsverfahren und Qualitätsanforderungen. Während CBD-haltige Produkte mit sehr niedrigem THC-Gehalt teilweise frei verkäuflich sind, gilt dies nicht automatisch für die Therapie des Dravet-Syndroms. Hier werden in der Regel verschreibungspflichtige Arzneimittel eingesetzt, deren Wirkstoffgehalt, Reinheit und Herstellung genau überwacht werden.

THC-haltige Cannabis-Arzneimittel unterliegen zusätzlich dem Betäubungsmittelrecht. Für die Dravet-Therapie spielt THC derzeit eine untergeordnete Rolle; im Vordergrund stehen CBD-Präparate mit nachgewiesener Wirksamkeit. Ärztinnen und Ärzte, die Cannabinoid-Therapien verschreiben, müssen die jeweiligen kantonalen und nationalen Vorgaben berücksichtigen, insbesondere in Bezug auf Indikation, Dokumentation und Meldepflichten. Familien sollten sich daher immer an medizinische Fachpersonen wenden, die mit den schweizerischen Rahmenbedingungen vertraut sind und rechtssichere Behandlungen planen können.

Rechtliche THC-Grenze und Einstufung von Cannabis in der Schweiz

Einordnung und Ableitung: Potenziale, Limitationen und offene Fragen

Die Integration von Cannabidiol in die Therapie des Dravet-Syndroms ist ein wichtiger Fortschritt, aber keine umfassende Lösung aller Herausforderungen. Die bisherigen Studien zeigen, dass bei einem Teil der Kinder eine relevante Anfallsreduktion erzielt werden kann, insbesondere wenn konventionelle Antiepileptika ausgeschöpft sind. Dennoch bleibt die Erkrankung in vielen Fällen schwer und mit Entwicklungsbeeinträchtigungen verbunden. CBD verändert weder die genetische Ursache noch garantiert es Anfallsfreiheit.

Für die ärztliche Praxis stellt sich die Frage, wie CBD sinnvoll in bestehende Therapieschemata integriert werden kann: in welcher Dosis, in welcher Kombination, mit welchen Kontrollintervallen. Offene Forschungsfragen betreffen zum Beispiel langfristige Wirkungen, potenzielle Effekte auf SUDEP-Risiko, optimale Behandlungsdauer oder die Rolle von Biomarkern, die ein Ansprechen vorhersagen könnten. Auch die Interaktion von CBD mit anderen Epilepsie-Medikamenten wird weiter untersucht.

Ebenso wichtig ist die psychosoziale Dimension: Familien benötigen neben medizinischen Informationen auch Unterstützung beim Umgang mit Erwartungen. Cannabidiol ist weder ein "Wundermittel" noch ein harmloses Naturprodukt, sondern ein pharmakologisch wirksamer Stoff mit Chancen und Risiken. Eine offene, realistische Kommunikation hilft, Enttäuschungen zu vermeiden und Therapieentscheidungen gemeinsam zu tragen.

Fazit und Ausblick für Familien und Behandelnde

Die Cannabidiol-Therapie beim Dravet-Syndrom ist ein Baustein in einem komplexen Behandlungsmosaik. Sie kann bei sorgfältig ausgewählten Kindern die Anfallslast reduzieren und damit den Alltag etwas entlasten. Gleichzeitig bleibt die Notwendigkeit einer umfassenden epileptologischen Betreuung, die etablierte Antiepileptika, Notfallkonzepte, Fördermassnahmen und psychosoziale Unterstützung einschliesst. Digitale Versorgungsformen in der Schweiz können den Zugang zur Cannabis-Therapie strukturieren, die Zusammenarbeit zwischen Fachpersonen und Familien unterstützen und den Ablauf von der Indikationsstellung bis zur Apothekenversorgung transparenter machen. Zukünftige Forschung wird zeigen, ob sich Dosierungsstrategien weiter verfeinern lassen, welche Kinder besonders profitieren und wie langfristige Sicherheitsfragen zu bewerten sind. Bis dahin bleibt es entscheidend, jede CBD-Behandlung individuell, evidenzbasiert und eng ärztlich begleitet zu planen.

Häufig gestellte Fragen

Häufige Fragen zur Cannabis-Therapie beim Dravet-Syndrom

Ist Cannabidiol eine geeignete Erstlinientherapie beim Dravet-Syndrom?

Nein. In der Regel kommen zunächst etablierte Antiepileptika zum Einsatz, die seit vielen Jahren bei Dravet-Patientinnen und -Patienten verwendet werden. Cannabidiol wird meist als Zusatztherapie erwogen, wenn mehrere Standardmedikamente trotz korrekter Einnahme nicht ausreichend wirksam sind. Die Entscheidung, CBD einzusetzen, trifft die behandelnde Fachärztin oder der behandelnde Facharzt nach individueller Beurteilung von Krankheitsverlauf, bisheriger Therapie und Begleiterkrankungen.

Können frei verkäufliche CBD-Öle für die Behandlung verwendet werden?

Für die Therapie des Dravet-Syndroms sollten nur zugelassene, standardisierte Arzneimittel mit Cannabidiol eingesetzt werden. Diese Präparate unterliegen strengen Qualitätsanforderungen und wurden in klinischen Studien geprüft. Frei verkäufliche CBD-Öle oder Nahrungsergänzungsmittel weisen häufig eine schwankende Zusammensetzung und unklare Dosierbarkeit auf und sind nicht für die Behandlung schwerer Epilepsien zugelassen. Ein eigenständiger Einsatz ohne ärztliche Begleitung kann Risiken bergen und wird nicht empfohlen.

Wie schnell zeigt sich ein möglicher Effekt der CBD-Therapie?

In Studien wurden Unterschiede zwischen CBD und Placebo häufig bereits im ersten Behandlungsmonat beobachtet. In der Praxis wird die Dosis jedoch meist schrittweise gesteigert, um Nebenwirkungen zu minimieren. Daher ist es sinnvoll, über mehrere Wochen bis Monate hinweg Anfallsprotokolle zu führen und gemeinsam mit der Fachperson zu beurteilen, ob ein stabiler Nutzen erkennbar ist. Wenn sich nach angemessener Zeit keine Verbesserung zeigt oder relevante Nebenwirkungen auftreten, wird die Therapie häufig neu bewertet.

Welche Kontrollen sind unter einer Cannabidiol-Therapie notwendig?

Neben der klinischen Verlaufskontrolle – zum Beispiel via Sprechstunden vor Ort oder telemedizinische Termine – werden regelmässig Blutuntersuchungen empfohlen. Besonders wichtig sind Leberwerte (Transaminasen), Nierenfunktion und gegebenenfalls Medikamentenspiegel, wenn CBD mit anderen Antiepileptika kombiniert wird. Zusätzlich sollten Gewicht, Appetit, Schlafverhalten und Tagesmüdigkeit beobachtet werden. Eltern können durch sorgfältige Dokumentation in einem Anfallstagebuch oder einer digitalen App wertvolle Informationen liefern.

Wird durch Cannabidiol die geistige Entwicklung des Kindes verbessert?

Nach heutigem Wissensstand beeinflusst Cannabidiol in erster Linie die Häufigkeit und teilweise die Schwere epileptischer Anfälle. Die zugrunde liegende genetische Störung des Dravet-Syndroms und die damit verbundenen Entwicklungsbeeinträchtigungen werden durch CBD nicht ursächlich behandelt. Indirekte Effekte – etwa durch weniger schwere Anfälle oder Spitalaufenthalte – sind individuell möglich, aber schwer vorhersehbar. Fördermassnahmen, Therapieangebote und pädagogische Unterstützung bleiben weiterhin zentral.

Darf eine laufende CBD-Therapie abrupt beendet werden?

Änderungen der Medikation sollten grundsätzlich nie eigenständig und abrupt erfolgen, insbesondere nicht bei schwerer Epilepsie. Ein plötzliches Absetzen von Cannabidiol kann die Anfallssituation destabilisieren. Wenn ein Therapieabbruch oder eine Dosisreduktion notwendig ist – zum Beispiel wegen Nebenwirkungen oder unzureichendem Nutzen –, wird die behandelnde Fachperson in der Regel ein schrittweises Vorgehen empfehlen und eng begleiten. Bei Unsicherheit ist es sinnvoll, frühzeitig Kontakt mit der Praxis oder dem Zentrum aufzunehmen.

Welche Rolle spielt Telemedizin bei der Betreuung von Dravet-Patientinnen und -Patienten?

Telemedizin kann den Zugang zu spezialisierten Fachpersonen erleichtern, insbesondere für Familien, die weit entfernt von Epilepsiezentren leben. Verlaufsgespräche, Therapieanpassungen und die Auswertung von Anfallsprotokollen lassen sich häufig gut via Video- oder Telefonkonsultation durchführen. Untersuchungen wie EEGs, Blutentnahmen oder körperliche Statuskontrollen bleiben jedoch an Vor-Ort-Termine gebunden. Digitale Angebote ergänzen somit die klassische Betreuung, ersetzen sie aber nicht vollständig.

Zurück zum Blog
Cannabidiol Dravet Studie medizinisches Cannabis Epilepsie Kinder Digitale Cannabis-Versorgung Schweiz Epilepsie Telemedizin Tele-EEG

Interesse an Cannabis-Therapie?

Vereinbaren Sie einen Beratungstermin mit unseren spezialisierten Ärzten.

Jetzt Termin buchen